Mit Theodor Heuss in die Architekturmoderne

Libe­ra­ler Publi­zist, ers­ter Bun­des­prä­si­dent — so kennt man Theo­dor Heuss bis­her. Jetzt stellt eine Füh­rung rund um den Kil­les­berg einen etwas weni­ger bekann­ten Aspekt vor, den des Orga­ni­sa­tors und Pro­pa­gan­dis­ten der Archi­tek­tur­mo­der­ne.

 Von Dirk Bar­an­ek

 Sti­li­ko­ne Theo­dor Heuss? Nun­ja, wenn man das Haus auf dem Kil­les­berg betritt, das sich der ers­te deut­sche Bun­des­prä­si­dent Ende der Fünf­zi­ger Jah­re als Alters­ru­he­sitz bau­en und ein­rich­ten ließ, ergibt sich zunächst der Ein­druck leicht mie­fi­ger Bür­ger­lich­keit. Wären da nicht die Rei­he groß­ar­ti­ger Gemäl­de von Impres­sio­nis­mus bis Kubis­mus und der Lese­ses­sel in der Ecke des Arbeits­zim­mers: Eine Aus­ga­be des inzwi­schen legen­dä­ren Lounge-Chairs, den die Gebrü­der Eames 1956 vor­stell­ten.

 Man ver­steht: Heuss inter­es­sier­te sich Zeit sei­nes Lebens für die zeit­ge­nös­si­sche Ent­wick­lung sowie avant­gar­dis­ti­schen Ten­den­zen in Archi­tek­tur und Kunst. Die­sen Aspekt des libe­ra­len Poli­ti­kers will eine neue Füh­rung ver­deut­li­chen, die die Stif­tung Theo­dor-Heuss-Haus und das Wei­ßen­hof­mu­se­um gemein­sam anbie­ten. Für bei­de Insti­tu­tio­nen tätig ist die Kunst­wis­sen­schaft­le­rin Bri­git­te Knorr, die die Füh­rung daher äußerst kun­dig bestrei­tet. Es beginnt im Unter­ge­schoss der beschei­de­nen Heuss-Vil­la, in dem eine Dau­er­aus­stel­lung über sein Leben mit Info-Tafeln und Doku­men­ten infor­miert. Knorr stellt klar, dass Heuss per­sön­lich nur am Rand an der Ent­ste­hung der Weis­sen­hof­sied­lung betei­ligt, aller­dings Teil eines Bezie­hungs­ge­flechts von Per­so­nen war, die die Rea­li­sie­rung die­ses muti­gen Expe­ri­ments der Archi­tek­tur­mo­der­ne 1927 ermög­lich­ten.

 Denn eigent­lich war das wei­ße Gebäu­de­en­sem­ble am Kil­les­berg Teil einer Aus­stel­lung zur „indus­tri­el­len Form­ge­bung“ des Deut­schen Werk­bun­des. Die­se 1907 in Mün­chen gegrün­de­te „Ver­ei­ni­gung von Künst­lern, Archi­tek­ten, Unter­neh­mern und Sach­ver­stän­di­gen“ hat­te sich das Ziel gesetzt, auf der Basis der „Neu­en Sach­lich­keit“ die Gestal­tung des von Men­schen geschaf­fe­nen Lebens­um­feld zu ver­bes­sern — „vom Sofa­kis­sen bis zum Städ­te­bau,“ wie Bri­git­te Knorr sagt. Soviel wird klar: Heuss war mit­ten­drin. Schon zu Stu­den­ten­zei­ten hat­te er in Mün­chen eini­ge der spä­te­ren Prot­ago­nis­ten des Werk­bun­des ken­nen­ge­lernt. Von 1919 bis 1923 konn­te er dann als des­sen Geschäfts­füh­rer und bis 1933 im Vor­stand für sei­ne vom libe­ra­len Eltern­haus gepräg­ten Vor­stel­lun­gen eines sozia­len Bau­ens wer­ben. Ein Geschäft, dass er beherrsch­te, war Heuss doch Zeit sei­nes Lebens vor allem Jour­na­list und Publi­zist. In der Aus­stel­lung befin­det sich auch eine Son­der­bei­la­ge des Stutt­gar­ter Neu­en Tag­blatts, erschie­nen 1927 zwei Tage vor der Eröff­nung der Weis­sen­hof­sied­lung. „Die Zeit und ihre Form“ ist die Über­schrift des Auf­ma­cher­ar­ti­kels, Autor Theo­dor Heuss.

 Nach dem aus­führ­li­chen Ein­blick in das künst­le­risch-intel­lek­tu­el­le Leben geht die Füh­rung den Hügel hin­un­ter in Rich­tung der Alten Mes­se mit einem Zwi­schen­stopp an der Kochen­hof­sied­lung, dem „tra­di­tio­na­lis­ti­schen Gegen­pol“ des Weis­sen­hofs, wie Bri­git­te Knorr meint. 1933 wur­de das Ensem­ble mit kräf­ti­gem Ein­fluss der NS-Dik­ta­tur mit Sat­tel­dä­chern und unter Ver­wen­dung von „deut­schem Holz“ gebaut. Ähn­lich erging es auch der Brenz­kir­che, die noch 1933 modern gebaut, dann als „Schand fürs Schwa­ben­land“ dif­fa­miert und zuletzt 1938 zu einem mas­si­ven Objekt umge­mo­delt wur­de. Das ist den Häu­sern von Gro­pi­us oder Le Cor­bu­si­er, in des­sen Haus die Füh­rung endet, erspart geblie­ben. Nur der Bom­ben­krieg hat Nar­ben geris­sen. Heuss hat sich die düs­te­ren Jah­ren mehr schlecht als Recht mit sei­ner Schreib­ar­beit durch­ge­schla­gen, The­ma einer ande­ren Füh­rung.

Nächs­te Füh­rung am 9. März 2008, ab 14 Uhr. Kos­ten 12 Euro. Reser­vie­rung erfor­der­lich unter 0711.2535558. Für Grup­pen fle­xi­bel buch­bar.

 [Der Arti­kel ist am 11. Febru­ar 2008 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschie­nen]

Mit Theodor Heuss in die Architekturmoderne

Von der Notbedachung bis zur Eierkartonfassade

Das Vier­tel rund um den Hans-im-Glück-Brun­nen war das The­ma des zwei­ten Stadt­spa­zier­gangs

Der zwei­te Stadt­spa­zier­gang, den die Stif­tung Geiß­stra­ße und die Stutt­gar­ter Zei­tung gemein­sam anbie­ten, führ­te am Sams­tag durch das Vier­tel rund um den Hans-im-Glück-Brun­nen. Der lang­jäh­ri­ge städ­ti­sche Denk­mal­pfle­ger Hel­mut Feeß erläu­ter­te bei dem Rund­gang die Geschich­te des Vier­tels.

Die meis­ten der vie­len Ver­gnü­gungs­süch­ti­gen, die durch die mit gas­tro­no­mi­schen Ange­bo­ten jeg­li­cher Art locken­den Stra­ßen rund um den Hans-im-Glück-Brun­nen strei­fen, ahnen wahr­schein­lich nicht, dass sie sich in der ers­ten Flä­chen­sa­nie­rung der Stadt befin­den. Hier ist kein Stein, kei­ne Fens­ter­la­de, kein Erker älter als hun­dert Jah­re, auch wenn es manch­mal anders aus­sieht, denn zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts ist der Block zwi­schen Eber­hardt-, Nad­ler- und Stein­stra­ße kom­plett neu bebaut wor­den. Die Geschich­te die­ses recht beschau­li­chen, ver­kehrs­be­frei­ten Gebäu­de­en­sem­bles erzähl­te am Sams­tag Hel­mut Feeß den etwa 20 Teil­neh­mern am zwei­ten Stadt­spa­zier­gang, den die Stif­tung Geiß­stra­ße zusam­men mit der Stutt­gar­ter Zei­tung orga­ni­sier­te.

Die Füh­rung beginnt mit einer aus zwei Grün­den atem­be­rau­ben­den Sta­ti­on, der Bestei­gung des der Öffent­lich­keit nor­ma­ler­wei­se nicht zugäng­li­chen Turms des Graf-Eber­hard-Baus. Feeß kennt sich hier mehr als gut aus, denn als städ­ti­scher Denk­mal­pfle­ger hat er in dem mäch­ti­gen Haus bis 2005 sei­nen Dienst­sitz gehabt. Das ers­te Mal stockt der Atem, weil die Grup­pe zu Fuß das Turm­zim­mer erklim­men muss, am Wochen­en­de fährt der Fahr­stuhl nicht. Die über 200 Stu­fen las­sen so man­chen Teil­neh­mer aus der Pus­te kom­men. Das zwei­te Mal stockt der Atem, weil oben ange­kom­men die Aus­sicht auf die ver­win­kel­ten Dächer des Vier­tels recht spek­ta­ku­lär ist. Wer aber geglaubt hat, hier direkt bis ins Mit­tel­al­ter zu schau­en, der irrt gewal­tig.

Feeß erzählt die Geschich­te von Edu­ard von Pfeif­fer einem hoch ange­se­hen wie wohl­ha­ben­dem Bür­ger die­ser Stadt. Pfeif­fer hat­te sozia­le Nei­gun­gen und wid­me­te sich mit Bau­pro­jek­ten sei­nes Ver­eins zum Wohl der arbei­ten­den Klas­sen den wid­ri­gen Lebens- und Wohl­ver­hält­nis­se der ein­fa­chen Leu­te in der engen Stadt. Meh­re­re Sied­lungs­pro­jek­te hat er um die Jahrund­ert­wen­de initiert und kauf­te unter ande­rem die Grund­stü­cke im Geiß­vier­tel. 1901 wur­de die vor­han­de­ne nied­ri­ge Bebau­ung kom­plett abge­ris­sen und neu bebaut — hel­ler, luf­ti­ger und roman­tisch. 1909 war alles fer­tig und nur der Stra­ßen­ver­lauf erin­ner­te noch an das alte Vier­tel. „Alles rück­wärts­ge­wand­te Archi­tek­tur. Es soll­te hei­me­lig wer­den,“ sagt Hel­mut Feeß und meint den Stil­mix aus Renais­sance, Bau­kunst süd­deut­scher Han­dels­häu­ser und Neo­klas­si­zis­mus. Das Vier­tel kam aller­dings an, die Mischung aus Geschäf­ten und Woh­nun­gen funk­tio­nier­te.

Zurück auf dem Boden der Geiß­stra­ße geht die Füh­rung um die Ecke vor den Graf-Eber­hard-Bau. Der war bis 1977 voll mit Büchern, denn der Bar­sor­ti­men­ter Koch, Neff und Oet­tin­ger hat­te hier sei­nen Stamm­sitz. Jetzt wird hin­ter den mas­si­ven Mau­ern die Stadt der Zukunft ent­wor­fen, denn seit über 20 Jah­ren gehört der Bau der Stadt und beher­bergt das Stadt­pla­nungs­amt.

Wei­ter geht es die Eber­hard­stra­ße hoch bis zur Ecke Stein­stra­ße. Feeß erzählt nun die Geschich­te des Tag­blat­turms und die des Kauf­hau­ses Scho­cken gegen­über. Letz­te­res gibt es seit 1960 nicht mehr, dort steht jetzt die Stein gewor­de­ne archi­tek­to­ni­sche Frag­wür­dig­keit mit Namen Gale­ria Kauf­hof, ein Umstand, der den Denk­mal­pfle­ger immer noch auf die Pal­me bringt. „Wir ste­hen hier vor einer der größ­ten Bau­sün­den der Stadt,“ sagt er. Das Scho­cken war ein Expe­ri­ment des neu­en Bau­ens, mate­ria­li­sier­te den Bau­haus­t­raum aus Glas, Metall und kla­ren Lini­en. Abge­ris­sen wur­de er, unter Pro­test der gesam­ten Archi­tek­ten­schaft der Stadt, weil die Stra­ße davor drei Meter zu schmal war, um als Quer­span­ge inner­halb des City­rings zu funk­tio­nie­ren. Die Fol­gen die­ser Fehl­ent­schei­dung wer­den vor allem in der Stein­stra­ße offen­sicht­lich, bei dem der Blick hoch auf die Eier­kar­ton­fas­sa­de geht, die der Kauf­haus­kon­zern bun­des­weit in die Städ­te geklotzt hat. „Das wird nie­mals in den Denk­mal­schutz kom­men,“ sagt Feeß spä­ter fast ver­ächt­lich. Der Anblick läuft jedem halb­wegs geschul­tem ästhe­ti­schem Emp­fin­den zuwi­der.

Zuletzt biegt die Grup­pe in die Nad­ler­stra­ße ein. Hier Feeß weist auf die städ­te­bau­li­chen Nar­ben hin, die die Bom­ben­an­grif­fe vor über 60 Jah­ren bis heu­te hin­ter­las­sen haben. „Dort an der Ecke sieht man noch die Not­be­da­chung, die nach dem Krieg drauf­ge­setzt wur­de,“ sagt er. Auch sonst gibt es inzwi­schen an eini­gen Gebäu­den erheb­li­chen Sanie­rungs­be­darf, aber weil die Stadt kei­nen Euro für die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung mehr bereit­stel­le, wer­de sich hier auch wei­ter nichts tun, so Feeß. Die Füh­rung endet am ori­gi­nal erhal­te­nen Hans-im-Glück-Brun­nen mit dem Gefühl, dass der Schutz der his­to­ri­schen Bau­sub­stanz in Stutt­gart kei­ne Auf­ga­be ist, der man von Sei­ten der Stadt­obe­ren beson­de­re Prio­ri­tät ein­räumt.

[Der Arti­kel ist am 24. Sep­tem­ber 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschie­nen]

Von der Notbedachung bis zur Eierkartonfassade

Gegen den Trend der schrumpfenden Stadt

Bei einem Exper­ten­hea­ring im Rat­haus stand die Situa­ti­on und Zukunft des Stutt­gar­ter Woh­nun­s­mark­tes auf der Agen­da.

Wie wol­len in Zukunft wie vie­le Men­schen leben und was bedeu­tet das für die Ent­wick­lung des Woh­nungs­mark­tes? Auf die­se Fra­ge ver­such­ten ges­tern Exper­ten Ant­wor­ten zu geben, um dar­aus Eck­punk­te für eine zukunfts­ori­en­tier­te Stadt­pla­nung zu ent­wi­ckeln.

Das Stadt­pla­nungs­amt Stutt­gart führ­te ges­tern Abend im Rah­men des Ent­wick­lungs­pro­gramms „urban­Woh­nen“ ein Exper­ten­hea­ring durch, um die aktu­el­le Situa­ti­on des hie­si­ge Woh­nungs­mark­tes zu ana­ly­sie­ren. Aber vor allem soll­te ein wenig in die Zukunft geschaut wer­den, um mit einer neu­en Stra­te­gie wan­deln­den Erfor­der­nis­sen gerecht zu wer­den. Rund 200 Inter­es­sier­te waren dem Auf­ruf des Stadt­pla­nungs­am­tes gefolgt, Ver­tre­ter von Bau­ge­sell­schaf­ten, Stadt­pla­ner, Archi­tek­ten, Haus­ver­wal­ter und Woh­nungs­wirt­schaft­ler, um sich von den vor­tra­gen­den Wis­sen­schaft­lern über die der­zei­ti­ge Situa­ti­on infor­mie­ren zu las­sen und Lösungs­an­sät­ze zu dis­ku­tie­ren. Han­deln tut Not, denn die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wer­den erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Stadt­ge­sell­schaft haben.

Bezüg­lich der aktu­el­len Lage waren sich alle Exper­ten einig, dass die Lan­des­haupt­stadt eine hohe Lebens­qua­li­tät bie­tet. Aber das ist nicht genug, um die weit­rei­chen­den Ver­än­de­run­gen der Zukunft zu meis­tern. Die­se Ver­än­de­run­gen wer­den durch die Bedürf­nis­se und Wün­sche der Bewoh­ner bestimmt und deren Lebens­ver­hält­nis­se wer­den bis 2020, so weit geht die per­spek­ti­vi­sche Pla­nung, ziem­lich ande­re sein als heu­te. Vor allem der demo­gra­fi­sche Wan­del, also die zuneh­men­de Alte­rung der Gesell­schaft, stand bei allen Vor­trä­gen als der die Ent­wick­lung am stärks­ten beein­flus­sen­de Fak­tor im Vor­der­grund. Immer mehr älte­re Men­schen, die sich grü­ne, ruhi­ge Innen­stadt­quar­tie­re wün­schen, weni­ger jun­ge Fami­li­en, die im Umland bau­en wol­len, so die gro­be Rich­tung, die auch von Pro­fes­sor Hans­pe­ter Gond­ring, Lei­ter des Stu­di­en­gangs Immo­bi­li­en­wirt­schaft an der Berufs­aka­de­mie Stutt­gart, skiz­ziert wur­de. Er sieht vor allem in der Revi­ta­li­sie­rung der Alt­bau­be­stän­de eine Chan­ce und hält nicht viel von Neu­bau­ten. Die­se wer­den aber trotz gleich­blei­ben­der Bevöl­ke­rungs­zahl not­wen­dig sein, wie Det­lef Kron, Lei­ter des Stadt­pla­nungs­am­tes aus­führ­te.

Aller­dings ist ein gutes Stück Hoff­nung dabei, denn die städ­ti­schen Pla­ner wol­len es schaf­fen, dass die Bevöl­ke­rungs­zahl bis 2020 nicht um etwa 15.000 Ein­woh­ner schrumpft, wie eini­ge Pro­gno­sen vor­her­sa­gen. Da die Men­schen aber in Zukunft anders leben wol­len als heu­te, vor allem grö­ßer, schö­ner, ruhi­ger und doch zen­tral, muss die Zahl der Woh­nun­gen um 20.000 wach­sen, um für die sta­gnie­ren­de Bevöl­ke­rungs­zahl ein attrak­ti­ves Ange­bot vor­zu­hal­ten. Das ent­spricht auch der Erwar­tung hie­si­ger Exper­ten, wie sich aus einer Umfra­ge ergibt, deren erst Ergeb­nis­se ges­tern vor­ab prä­sen­tiert wur­den. Der Anstieg von Mie­ten und Prei­sen, ein erhöh­ter Bedarf beim Wohn­flä­chen­kon­sum, ein star­kes Wachs­tum in gewis­sen Markt­ni­schen, zum Bei­spiel beim bar­rie­re­frei­en Woh­nen für Senio­ren, und erhöh­te eine Nach­fra­ge nach Innen­stadt­la­gen wer­den von den hie­si­gen Immo­bi­li­en­fach­leu­ten als die Trends der Zukunft bezeich­net.

Das Häus­chen im Grü­nen hat dabei für bestimm­te sozia­le Milieus deut­lich an Attrak­ti­vi­tät ver­lo­ren, so die Ein­schät­zung von Rotraut Weeber vom Insti­tut für Stadt­pla­nung und Sozi­al­pla­nung (Stutt­gart-Ber­lin). „Die Minia­tur­aus­ga­be der groß­bür­ger­li­chen Vil­la ist für die selbst­be­wuss­ter wer­den­de Mit­te der Gesell­schaft kein erstre­bens­wer­tes Ziel mehr,“ sagt Weeber. Sie pro­gnos­ti­ziert eine sich stär­ker dif­fe­ren­zie­ren­de Gesell­schaft, für die der Neu­bau im Ein­heits­look ein­fach nicht attrak­tiv genug ist. Eine Mög­lich­keit, den wei­ter vor­han­de­nen Wunsch nach Eigen­tum, und zwar mög­lichst indi­vi­du­el­lem, nach­zu­kom­men, könn­te eine breit ange­leg­te Ent­wick­lungs­stra­te­gie für die vor­han­de­nen Stadt­quar­tie­re sein. Ire­ne Weeber for­dert ein ver­bes­ser­tes Qua­li­täts­ma­nage­ment, um sozi­al pro­ble­ma­ti­sche Quar­tie­re mit höher­wer­ti­gen Woh­nun­gen und Infra­struk­tu­ren zu ver­sor­gen.

Denn nach wie vor ist für die Pla­ner die sozia­le Ent­mi­schung, die im Moment statt­fin­det, ein Hor­ror­sze­na­rio, aus dem vie­le Pro­ble­me erwach­sen. Cle­ver gestal­te­te Low-Bud­get-Woh­nun­gen neben indi­vi­du­el­len Stadt­häu­sern, die sich sol­ven­te Bau­ge­mein­schaf­ten errich­ten, das ist in etwa die Vor­stel­lung, mit der die Stadt­pla­ner zukünf­ti­gen Ent­wick­lun­gen Raum schaf­fen wol­len. Ob aller­dings die Zukunft so ein­trifft, wie von den Exper­ten vor­her­ge­sagt, bleibt natur­ge­mäß unklar. „Die Alten von mor­gen wer­den ande­re sein, als die Alten von heu­te,“ sagt Ire­ne Weeber. Wel­che Art von Woh­nun­gen die Gene­ra­ti­on 50plus bevor­zu­gen wird, die 2020 etwa die Hälf­te der Ein­woh­ner aus­macht, weiß im Moment nie­mand im Saal.

[Der Arti­kel ist am 18. Sep­tem­ber 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschie­nen]

Gegen den Trend der schrumpfenden Stadt

Das Wahrzeichen ist erstaunlich filigran

Im Rah­men einer Leser­ak­ti­on lädt die STUTTGARTER ZEITUNG in die­sem Jahr zu über 36 Füh­run­gen durch. Die­ses Mal geht es in den Fern­seh­turm Stutt­gart.

Er war jahr­zehn­te­lang das Wahr­zei­chen der Stadt, denn immer wenn ein Gra­fi­ker die Auf­ga­be hat­te, ein Bild­sym­bol für Stutt­gart zu ent­wer­fen, das Moder­ni­tät und Fort­schritt aus­strahlt, dann war die Beton­na­del mit dem cha­rak­te­ris­ti­schen Korb gefragt. In der letz­ten Zeit hat er aller­dings Kon­kur­renz vor allem durch die neu­en Muse­en bekom­men, die Krea­ti­ven wol­len halt auch mal was ande­res machen. Kurz­um: Der Stutt­gar­ter Fern­seh­turm kommt in die Jah­re, aber noch nicht aufs Alten­teil, denn er wird noch gebraucht und unter Denk­mal­schutz steht er sowie­so. Obgleich der Name an sich inzwi­schen leicht gelo­gen ist. „Eigent­lich müss­te er jetzt Radio­turm hei­ßen, denn es wird kein Fern­seh­si­gnal mehr aus­ge­strahlt,“ sagt Klaus Grab­be ver­schmitzt. Der ist hier Betriebs­lei­ter und führt die 16-köp­fi­ge Grup­pe durch die Beton­röh­re. Nichts ande­res ist der Turm, wie schon bei der ers­ten Sta­ti­on ein­drucks­voll klar wird. Die führt in das Fun­da­ment und auf die Boden­plat­te, die die Stahl­be­ton­kon­struk­ti­on über den Köp­fen trägt.

Die­se ist mit Spit­ze 217 Meter hoch und wiegt 1.500 Ton­nen. Vom Prin­zip her ist sie kon­stru­iert wie ein Steh­auf­männ­chen: unten dick und schwer, oben dünn und leicht. Damit das Prin­zip auf­geht, sind die Beton­wän­de der Röh­re am Fun­da­ment ein Meter dick. Die run­de, mit 30 Meter Durch­mes­ser gar nicht so gro­ße Plat­te, auf der das Gan­ze am Rand und in der Kreis­mit­te steht, ist mit Stahl­trä­gern wie eine Rad­fel­ge kon­stru­iert und wiegt eben­falls 1.500 Ton­nen. Dazu noch 4.000 Ton­nen Füll­ma­te­ri­al rund­rum stel­len sicher, dass selbst bei stärks­ten Wind der Turm nicht umfällt, son­dern höchs­tens sanft mit­schwingt „Oben auf der Spit­ze schlägt es bis zu 1,50 Meter aus, im Turm­ca­fé sind es noch 30 Zen­ti­me­ter“, sagt Herr Grab­be und fügt beru­hi­gend hin­zu: „Das merkt man aber eigent­lich kaum. Nur das Was­ser im Glas wackelt ein biss­chen.“

Dass man den Turm über­haupt bestei­gen kann, ist eine Idee des Schöp­fers Prof. Fritz Leon­hardt. Als man Anfang der 50er Jahr beschloss, mit einem Sen­de­mast aus Stahl für die Ver­sor­gung des Kes­sels mit TV-Signa­len zu sor­gen, schlug er vor, doch eine Beton­kon­struk­ti­on zu bau­en, die auch Besu­cher bestei­gen kön­nen, natür­lich gegen Ent­gelt. Das soll­te die Kos­ten wie­der rein­brin­gen und so wag­te man das Expe­ri­ment, denn die­ser Turm war der ers­te sei­ner Bau­art. Die Idee war ein vol­ler Erfolg. Die Stutt­gar­ter stan­den ab Febru­ar 1956 Schlan­ge und schon nach fünf Jah­ren hat­te der SWR als Bau­herr und Besit­zer die Bau­kos­ten amor­ti­siert.

Nach den Grund­la­gen geht es mit der Besich­ti­gung wei­ter per Fahr­stuhl in eine Höhe von 75 Metern. Dort ist eine Platt­form, auf der sich des­sen Tech­nik bewun­dern lässt. „Lau­schen Sie mal, da hört man nix“, sagt Herr Grab­be. Tat­säch­lich, die zwei Kabi­nen rau­schen laut­los vor­bei und ver­schwin­den in der Höhe der Röh­re, in die man hier sehr hoch schau­en kann. Ange­sichts einer Geschwin­dig­keit von vier Metern pro Sekun­de wirkt das leicht unheim­lich. Herr Grab­be weist noch auf die Kabel­strän­ge und Ver­sor­gungs­roh­re. „Nach dem Turm­brand in Mos­kau 2003 wur­de hier alles erneu­ert, damit es mög­lichst lan­ge oben Strom gibt und Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lich ist.“ Aller­dings sei der Stutt­gar­ter Turm anders kon­stru­iert und des­halb schließt Herr Grab­be eine ähn­li­che Kata­stro­phe aus. In die­ser Höhe geht die den gan­zen Turm durch­zie­hen­de Not­trep­pe von einer Wen­del­trep­pe über in eine Trep­pen­haus­kon­struk­ti­on. 762 Stu­fen sind es ins­ge­samt und ein Lachen geht durch die Besu­cher­grup­pe, als Herr Grab­be auf jeden Fall Mus­kel­ka­ter ver­spricht, egal man hoch oder hin­un­ter steigt. Das will jetzt kei­ner aus­pro­bie­ren, son­dern man steigt lie­ber wie­der in den Fahr­stuhl, der jetzt auf eine Höhe von 150 Meter rast, in die ers­te Eta­ge des Korbs.

Hier ist viel Tech­nik unter­ge­bracht, zur Ver­sor­gung aber auch für die Sen­de­funk­tio­nen. Neben den SWR-Radio­sta­tio­nen wird der Poli­zei­funk sowie eine Richt­funk­stre­cke nach Karls­ru­he betrie­ben, die dem inter­nen Daten­ver­kehr des Sen­ders dient. Rund­um ist alles ver­glast und obwohl der gan­ze fer­ne Aus­blick auf die Alb wegen des die­si­gen Wet­ters nicht mög­lich ist, hat man den­noch einen kom­plet­ten Blick auf die Fil­dern und die City im Nesen­bach­tal. 585 Meter über dem Schloss­platz befin­det man sich jetzt und die Stadt wirkt ein biss­chen wie ein Spiel­zeug­land.

Einen Stock höher erwar­tet die Grup­pe das allen Blend­werks ent­klei­de­te ehe­ma­li­ge Gour­met­re­stau­rant, heu­te genutzt von den Thea­ter Ram­pe und Altes Schau­spiel­haus. Man sieht die Wand­kon­struk­ti­on, die den Korb zusam­men­hält, und staunt leicht beklom­men, dass dazu die­se paar 20 Zen­ti­me­ter dicken Beton­pfei­ler genü­gen. „Es soll­te so fili­gran wie mög­lich wer­den, damit das Kon­struk­ti­ons­prin­zip auf­geht,“ sagt Herr Grab­be und strahlt eine Sicher­heit aus, die alle Zwei­fel und Höhen­schwin­del ver­ja­gen. Des­halb zieht es auch noch mal alle zur Besu­cher­platt­form, wo der Blick nach oben geht auf die 65 Meter hohe, mit diver­sen Anten­nen bestück­te Stahl­kon­struk­ti­on der Spit­ze. Gro­ße Schein­wer­fer blin­ken in weiß und rot, aber die­se Hin­der­nis­feu­er sind im Grun­de nur noch Zie­rat, dem Denk­mal­schutz geschul­det. Flug­zeu­ge brau­chen so etwas heut­zu­ta­ge nicht mehr. An die­ser Stel­le ver­ab­schie­det sich Herr Grab­be von der sicht­lich beein­druck­ten Grup­pe. Haben wir was ver­ges­sen: Ach ja, der Stutt­gar­ter Fern­seh­turm ist zwar welt­weit der ältes­te sei­ner Art, aber inzwi­schen auch der kleins­te. Ein Grund mehr, ihn rich­tig lieb­zu­ha­ben. Als Wahr­zei­chen hat er noch lan­ge nicht aus­ge­dient.

Fili­gra­ne Kon­struk­ti­on

Fabi­an Engeser (27) begeis­tert sich vor allem für das Kon­struk­ti­ons­prin­zip. „Ich hat­te gar nicht gedacht, dass der Turm so fili­gran gebaut ist,“ sagt der Stu­dent der Ange­wand­ten Phy­sik an der Uni Tübin­gen. „Alles über­haupt nicht bom­bas­tisch, son­dern sehr tri­cky.“ Aus sei­nem Mund hat die­se Ein­schät­zung eine beson­de­re Bedeu­tung, ist er doch qua­si Spe­zia­list für fein­glied­ri­ge Sys­te­me. Engeser steckt mit­ten in sei­nen Abschluss­prü­fun­gen zum Diplom, das er mit einer Arbeit über Teil­chen­op­tik erlan­gen will. Grob gesagt ist das eine Tech­nik, mit deren Hil­fe man fast bis in die ato­ma­re Struk­tur hin­ein­schau­en kann. Der Fern­seh­turm ist für den aus Hechin­gen stam­men­den Stu­den­ten, der seit letz­tem Jahr in Deger­loch wohnt, schon fast ein Stück Hei­mat. „Ich sehe ihn vom Fens­ter mei­ner Woh­nung und wenn ich von Tübin­gen zurück­kom­me, sehe ich ihn schon von Wei­tem und weiß: ‚Gleich bist du zuhau­se.‘“

Der Arti­kel ist am 1. Sep­tem­ber 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschie­nen]

Das Wahrzeichen ist erstaunlich filigran