Neuer Campus für die Waldorf-Uni

Haus­sa­nie­rung und Gar­ten­ge­stal­tung schaf­fen Raum für welt­wei­tes Zen­trum der Wal­dorf­päd­a­gigik

Wal­dorf wächst, auch in der Leh­rer­aus­bil­dung. An der Uhlands­hö­he wur­de ges­tern nicht nur der Umbau einer Vil­la zum Semi­nar­haus gefei­ert, son­dern auch die Eröff­nung eines veri­ta­blen Cam­pus. Die Freie Hoch­schu­le mit 300 Stu­die­ren­den hat jetzt ein neu­es Zen­trum.

Das Gebäudensem­ble der Wal­dorf­päd­ago­gen unter­halb der Uhlands­hö­he ist um ein neu­es Schmuck­stück rei­cher. Ges­tern wur­de mit einer Fei­er­stun­de das sanier­te und umge­bau­te Haus in der Hauß­mann­stra­ße 48 eröff­net, aber tat­säch­lich geht die Bedeu­tung des damit ent­stan­de­nen Cam­pus über eine simp­le Reno­vie­rung weit hin­aus. Kräf­tig umge­stal­tet wur­de auch der Gar­ten hin­ter der 2005 von der Frei­en Hoch­schu­le für Wal­dorf­päd­a­gigk gekauf­ten Pri­va­tiers­vil­la. Mau­ern wur­den nie­der­ge­ris­sen und eine leicht anstei­gen­den Streu­obst­wie­se ange­legt, die die Ver­bin­dung zu dem dahin­ter lie­gen­den Semi­nar­ge­bäu­de der Hoch­schu­le dar­stellt, Dar­um grup­piert sich eine Art Amphie­thea­ter aus grob behaue­nem frän­ki­schen Jura.

Wir woll­ten etwas mit schwä­bi­schen Anklän­gen gestal­ten,“ sag­te Georg Schu­ma­cher, Dozent für Gestal­tung an dem Semi­nar, in dem 300 Stu­die­ren­de zu Leh­rern an Wal­dorf­schu­len aus- und fort­ge­bil­det wer­den. Über zwei Mil­lio­nen Euro wur­den inves­tiert, um die bis­her auf meh­re­re Gebäu­de ver­streu­ten Semi­na­re in eine vor­her nicht vor­han­de­ne räum­li­chen Zusam­men­hang zu brin­gen. Vier Kurs­räu­me ent­stan­den in der Vil­la, eine Mit­ar­bei­ter­woh­nung sowie eine Cafe­te­ria.

Damit will die Hoch­schu­le, die als ein­zi­ge der reform­päd­ago­gi­schen Bewe­gun­gen eine eige­ne Leh­rer­aus­bil­dung in unab­hän­gi­gen, aller­dings staat­lich aner­kann­ten Semi­na­ren anbie­tet, ihrer Bedeu­tung als Zen­trum der Wal­dorf­be­we­gung Aus­druck ver­schaf­fen. Die ist inzwi­schen glo­bal und mit fast 1.000 Schu­len ein welt­wei­tes Phä­no­men. So kom­men die Stu­den­ten denn auch aus 50 ver­schie­de­nen Län­dern, um sich in die päd­ago­gi­sche Theo­rie und Pra­xis auf der Basis der Leh­ren von Rudolph Stei­ner ein­füh­ren zu las­sen. 120 ver­las­sen jedes Jahr die Ein­rich­tung und tra­gen nicht nur das ganz­heit­li­che Bil­dungs­kon­zept, son­dern auch ihr Bild von Stutt­gart als den Ort in die gan­ze Welt, an dem die Ide­en Stei­ners 1919 an glei­cher Stel­le zum ers­ten Mal Rea­li­tät wur­den.

Ein his­to­ri­sches Pfund, mit dem auch Bil­dungs­bür­ger­meis­te­rin Susan­ne Eisen­mann in ihrem Gruß­wort wucher­te. „Wir sind stolz auf Sie,“ sag­te Eisen­mann und lob­te das gelun­ge­ne archi­tek­to­ni­sche Gesamt­kunst­werk. Ange­sichts der stark wach­sen­den Zahl von Eltern, die ihre Kin­der lie­ber in eine pri­va­te Schu­le in frei­er TRä­ger­schaft als in eine staat­li­che Schu­le schi­cken, äußer­te sich Claus Schmie­del, Vor­sit­zen­der der SPD-Land­tags­frak­ti­on, etwas nach­denk­li­cher. Es sei es ein Alarm­zei­chen ers­ten Ran­ges, wenn so vie­le bil­dungs­na­he Fami­li­en sich gegen das staat­li­che Ange­bot ent­schei­den, was er in Bezug auf die Qua­li­tät des Unter­richts gleich­wohl ver­ständ­lich fand. Alle Poli­ti­ker beton­ten denn auch die wich­ti­ge Rol­le der frei­en Schu­len, um dem öffent­li­chen Sys­tem Bei­ne zu machen oder wie es Win­fried Kret­sch­mann von den Grü­nen for­mu­lier­te: „Sie sind die Hefe im Teig des trä­gen staat­li­chen Schul­we­sens.“ Um im Bild zu blei­ben: Die Züch­tung die­ser Hefe hat jetzt ihren wür­di­gen Ort gefun­den.

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zei­tung]

Neuer Campus für die Waldorf-Uni

Perspektiven für Menschen mit Defiziten

Mit einem Modell­pro­jekt wird Geis­tig­be­hin­der­ten der Berufs­ein­stieg ermög­licht

Men­schen ohne Aus­bil­dung haben gro­ße Pro­ble­me auf dem Arbeits­markt. Das gilt umso mehr für Men­schen, die auf Grund einer geis­ti­gen Behin­de­rung nicht aus­bil­dungs­fä­hig sind. Statt einer Per­spek­ti­ve in einer geschütz­ten Werk­statt ver­sucht ein Modell­pro­jekt in Stutt­gart jetzt eini­gen eine Chan­ce in der Berufs­welt zu ermög­li­chen.

Um die beruf­li­che Ein­glie­de­rung von Men­schen mit geis­ti­gen Behin­de­run­gen ist es nicht zum Bes­ten gestellt. Für die aller­meis­ten sind die Chan­cen, abseits der geschütz­ten Werk­stät­ten eine Stel­le auf dem regu­lä­ren Arbeits­markt zu fin­den nur gering. Um wenigs­tens einem Teil der Absol­ven­ten von För­der­schu­len und Schu­len für geis­tig Behin­der­te eine Per­spek­ti­ve im nor­ma­len Berufs­all­tag zu geben, wird in Stutt­gart mit dem nächs­ten Schul­jahr ein Modell­pro­jekt ins Leben geru­fen, das in die­ser Form im Land ein­zig­ar­tig ist, so Rüdi­ger Hezel, Rek­tor der Gus­tav-Wer­ner-Schu­le. Das Beson­de­re dar­an ist vor allem die Koope­ra­ti­on vie­ler ver­schie­de­ner Betei­lig­ter. Neben den För­der­schu­len und den Schu­len für Geis­tig­be­hin­der­te und für Kör­per­be­hin­der­te bemü­hen sich auch der Inte­gra­ti­ons­fach­dienst (IFD), ver­schie­de­ne Schul­ver­wal­tungs­äm­ter bei Stadt und Land sowie eini­ge enga­gier­te Unter­neh­men. In einer Art selbst­or­ga­ni­sier­ten Vor­pha­se wur­den bereits ers­te posi­ti­ve Ergeb­nis­se erzielt. Jetzt geht es dar­um, das Pro­jekt zu ver­ste­ti­gen.

Ziel­grup­pe des Pro­jek­tes sind die leis­tungs­schwächs­ten Schü­ler der För­der­schu­len sowie die leis­tungs­stärks­ten aus dem Bil­dungs­gang für Geis­tig­be­hin­der­te. „Es geht um etwa je zehn bis fünf­zehn Pro­zent aus die­sen bei­den Schul­ar­ten,“ sag­te Hezel, der das Pro­jekt am Diens­tag Abend einer Run­de aus Betei­lig­ten und der Poli­tik vor­stell­te. Die schul­po­li­ti­schen Spre­cher der Gemein­de­rats­frak­tio­nen äußer­ten sich denn auch uni­so­no posi­tiv über die Anstren­gun­gen, bei denen die sorg­fäl­tig aus­ge­wähl­ten Schü­ler über drei Jah­re hin­weg mit Prak­ti­ka und berufs­be­glei­ten­dem Unter­richt für die Arbeits­welt fit gemacht wer­den. Etwa 40 Schü­ler will man in den nächs­ten drei Jah­ren so beglei­ten und eine rea­lis­ti­sche Chan­ce in der Arbeits­welt geben. Dabei kom­men Tätig­kei­ten in der Haus­wirt­schaft, der Gas­tro­no­mie, im Lager­be­reich oder auch im KFZ-Han­del in Fra­ge.

Posi­ti­ve Erfah­run­gen mit die­ser Per­so­nen­grup­pe hat Andre­as Meix­ner gemacht, der in Cann­statt einen Abschlepp­dienst mit sechs Mit­ar­bei­tern betreibt. Die Schü­ler sei­en durch­weg hoch­mo­ti­viert und jeder habe trotz gene­rell ein­ge­schränk­tem Leis­tungs­spek­trum beson­de­re Kom­pe­ten­zen, die man eben fin­den und för­dern müss­te. Mit dem Pro­jekt soll denn auch dem in den letz­ten Jah­ren einem star­ken Wan­del unter­wor­fe­nen Bild auf die­se Per­so­nen­grup­pe Rech­nung getra­gen wer­den. „Wir wol­len weg von der Defi­zit­ori­en­tie­rung hin zu einer Beto­nung der vor­han­de­nen Kom­pe­ten­zen,“ sag­te Tho­mas Hof­mann, Schul­lei­ter an einer Schu­le für Kör­per­be­hin­der­te.

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zei­tung]

Perspektiven für Menschen mit Defiziten

Jetzt habe ich keine Angst mehr vor dem Tod!“

Ein neu­er Dienst im Kli­ni­kum Stutt­gart küm­mert sich ganz­heit­lich um schwerst­kran­ke Pati­en­ten

Mit einem Pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­schen Kon­si­li­ar­dienst will das Kli­ni­kum Stutt­gart die Situa­ti­on von Men­schen ver­bes­sern, die kei­ne Aus­sicht mehr auf Hei­lung haben. Bei dem ganz­heit­li­chen Kon­zept geht es neben der Lin­de­rung kör­per­li­cher Pro­ble­me auch um die Betreu­ung der Ange­hö­ri­gen.

Men­schen, die an unheil­ba­ren Krank­hei­ten lei­den, die ver­blei­ben­de Lebens­zeit mög­lichst ange­nehm zu gestal­ten, ist das Ziel, das sich ein neu­er Quer­schnitts­dienst im Kli­ni­kum Stutt­gart gesetzt hat. Er trägt den etwas sper­ri­gen Namen Pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­scher Kon­si­li­ar­dienst und ist in der Form ein ech­te Inno­va­ti­on. Behei­ma­tet im Katha­ri­nen­hos­pi­tal, kommt er in allen Häu­sern des Kli­ni­kums zum Ein­satz, denn der Bedarf an einer ganz­heit­li­chen Ver­sor­gung schwerst­kran­ker Men­schen, die kei­ne Aus­sicht mehr auf Hei­lung haben, steigt stän­dig. Das Beson­de­re dar­an, so die onko­lo­gi­sche Ober­ärz­tin Mari­on Daun bei einem Pres­se­ge­spräch, sei das Zusam­men­wir­ken von ganz ver­schie­de­nen Pro­fes­sio­nen.

So besteht das Kern­team, das sich auf Grund einer Anfor­de­rung aus den Sta­tio­nen um den jewei­li­gen Pati­en­ten küm­mert, nicht nur aus medi­zi­ni­schem Fach­per­so­nal, son­dern auch aus Pfle­ge­pro­fis und Sozi­al­be­treu­ern. Dar­über hin­aus wer­den Phy­sio­the­ra­peu­ten, Psy­cho­lo­gen und Seel­sor­ger zu Rate gezo­gen, um für die kon­kre­ten Fäl­le einen The­ra­pie­plan zu ent­wi­ckeln, der dann nicht mehr die Hei­lung zum Ziel hat, son­dern eine mög­lichst hohe Lebens­qua­li­tät bis zum lei­der unver­meid­li­chen, abseh­ba­ren Tod. Pro Woche wer­den inzwi­schen zwei bis vier Pati­en­ten betreut, inklu­si­ve deren Ange­hö­ri­ge, denn das sei ein wich­ti­ger Aspekt der Arbeit des Diens­tes. Immer­hin han­de­le es sich um ein­schnei­den­de Erleb­nis­se mit viel­fäl­ti­gen psy­cho­lo­gi­schen und sozia­len Fol­gen, bei deren Bewäl­ti­gung durch Gesprä­chen und Bera­tung sehr sinn­voll sei.

Jetzt habe ich kei­ne Angst mehr vor dem Tod!“ hät­ten Betrof­fe­ne nach dem Mit­er­le­ben der Maß­nah­men schon geäu­ßert, berich­te­te Daun. Denn bei Schmer­zen, Ersti­ckungs­pa­ni­ken oder stän­di­gem Erbre­chen, die häu­figs­ten Sym­pto­me an denen Schwerst­kran­ke lei­den, könn­te durch die Neu­de­fi­ni­ti­on des The­ra­pie­ziels und dem nach­fol­gen­den Zusam­men­wir­ken aller Betei­lig­ten Lin­de­rung geschaf­fen wer­den, ganz abge­se­hen von den psy­cho­lo­gi­schen Pro­ble­men wie Depres­sio­nen und Angst­zu­stän­den. „Wir gehen ehr­lich auf die Pati­en­ten zu und die­se Gesprä­che tun enorm gut,“ sag­te Daun. Für die Kli­nik­lei­tung ist der Kon­si­li­ar­dienst ein wei­te­rer Bau­stein in Rich­tung einer mensch­li­che Medi­zin, die sich an den Bedürf­nis­sen der Pati­en­ten und nicht allein an dem öko­no­mi­schen Erfolg eines kli­ni­schen Groß­be­triebs aus­rich­te. „Mit dem Dienst kann man kein Geld ver­die­nen,“ sag­te der Kli­ni­sche Direk­tor Clau­de Kier. Der Respekt vor der Wür­de des Men­schen sei aber für das Kli­ni­kum hand­lungs­lei­tend. Ins­ge­samt wur­den fünf Stel­len geschaf­fen, die dem Dienst zuge­ord­net sind. 

Bei den Pati­en­ten, die einer pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­schen The­ra­pie bedür­fen, han­delt es sich in 80 Pro­zent der Fäl­le um Men­schen, die an den Fol­gen einer Krebs­er­kran­kung lei­den. Des­halb sind die ent­spre­chen­den Fach­kräf­te im Olga­kran­ken­haus und in Bad Cann­statt die­sen Abtei­lun­gen zuge­ord­net. Denn schön seit lan­gem wird Tod­kran­ker eine beson­de­re Betreu­ung zuteil, aller­dings nicht in der Orga­ni­sa­ti­on als inter­dis­zi­pli­nä­res Team. Für die Kli­nik ist das auch nur ein ers­ter Schritt. Ein zwei­ter könn­te die Ein­rich­tung von Stütz­punk­ten in den am häu­figs­ten betrof­fe­nen Abtei­lungnen sein. Die Ein­rich­tung einer eige­nen pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­scher Abtei­lung, wie es sie an ande­ren Kli­ni­ken durch­aus gibt, hält Mari­on Daun nicht für sinn­voll. „Die meis­ten Krebs­pa­ti­en­ten sind lan­ge in Behand­lung und ken­nen ihre Sta­tio­nen bereits,“ sag­te sie. Es herr­sche daher meist der Wunsch vor, in der gewohn­ten Umge­bung zu blei­ben,  even­tu­ell bis zum letz­ten Atem­zug, denn immer­hin noch 40 Pro­zent aller Men­schen stirbt bun­des­weit nicht zu Hau­se son­dern im Kran­ken­haus. Ten­denz stei­gend.

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zei­tung]

Jetzt habe ich keine Angst mehr vor dem Tod!“

Mit Kunst über sich hinauswachsen

Der durch eine Krank­heit an den Roll­stuhl gefes­sel­te Künst­ler Fried­rich Zirm stellt in einem Dro­ge­rie­markt aus

Kunst im Schau­fens­ter eines Dro­ge­rie­mark­tes ist kei­ne All­täg­lich­keit. Das Umfeld einer pro­fa­nen Waren­äs­the­tik reizt aber Fried­rich Zirm ganz beson­ders. Der an spas­ti­scher Läh­mung erkrank­te Künst­ler prä­sen­tier­te ges­tern ein neu­es Pro­jekt im dm-Markt im Kron­prinz­bau. Mit dabei: dm-Chef Götz W. Wer­ner.

Das The­ma des Stutt­gar­ter Künst­lers Fried­rich Zirm ist die Reduk­ti­on auf das Wesent­li­che. Sich selbst bezeich­net Zirm als Frei­gra­fi­ker und die Arbeit mit Koh­le­stift und Papier ist Kern sei­nes Schaf­fens. Die abs­trak­ten, schwarz-wei­ßen Kom­pos­tio­nen aus Stri­chen und Lini­en zu deu­ten, über­lässt Zirm ganz dem Betrach­ter. „Die Bot­schaft ist die Fra­ge“ steht dazu auf sei­ner Inter­net­sei­te. Die­se Schlicht­heit und gelich­zei­ti­ge Radi­ka­li­tät des Aus­drucks hängt sicher­lich auch mit dem „Zustand“ zusam­men, wie Zirm selbst die Tat­sa­che nennt, durch die Fol­gen einer spas­ti­schen Läh­mung fast voll­stän­dig an den Roll­stuhl gefes­selt und auf frem­de Hil­fe ange­wie­sen zu sein. Zeich­nen muss er mit dem Mund, eine Tech­nik, die er aller­dings vir­tu­os beherrscht, wie man in einem Video sehen kann, das par­al­lel zu dem im Schau­fens­ter des dm-Mark­tes im Kron­prinz­bau aus­ge­stell­ten Werk gezeigt wird. „Mein Leben in Tüten“ ist der Titel der Arbeit, die ges­tern Nach­mit­tag in Anwe­sen­heit von von Götz W. Wer­ner, Inha­ber der Dro­ge­rie­ket­te dm, eröff­net wur­de.

Zu sehen ist ein Schau­fens­ter mit 44 Plas­tik­ta­schen von dm, dra­piert auf einer mas­si­ven Gerüst­kon­struk­ti­on. Die Tüten mate­ria­li­sie­ren die ver­flos­se­nen Lebens­jah­re des Künst­lers. Jede ent­hält daher 52 Blät­ter aus Büt­ten­pa­pier mit jeweils sie­ben Stri­chen. Zwei Jah­re hat Zirm für die­se Arbeit gebraucht und sei­ne gan­ze Kraft inves­tiert. Inzwi­schen fällt ihm selbst das Spre­chen sehr schwer, wes­halb er sei­ne Rede ver­le­sen las­sen muss­te. Dar­in bekennt sich der Künst­ler zu die­sem pro­fa­nen Stand­ort für sein Werk, denn die Kunst müs­se dort­hin, wo der All­tag der Men­schen statt­fin­de. Mit der Arbeit möch­te er dar­auf auf­merk­sam machen, dass wir alle auf die Leis­tun­gen ande­rer Men­schen ange­wie­sen sind. „Kei­ne Idee, kei­ne Ent­wick­lung wird real ohne die Mit­wir­kung aller.“ Sei­ne eige­ne Exis­tenz sei bedingt durch die Krank­heit die „reins­te Form des Kon­sums von Dienst­leis­tun­gen“ und mit die­sem Werk wol­le er nun der Gesell­schaft etwas davon zurück­ge­ben. 

Die­se Hal­tung impo­niert Götz W. Wer­ner enorm. In der Öffent­lich­keit bekannt wur­de Wer­ner, der ein Unter­neh­men mit fast 2.000 Filia­len und 25.000 Mit­ar­bei­tern diri­giert, durch sei­nen Vor­schlag von einem all­ge­mei­nen, staat­lich finan­zier­ten Grund­ein­kom­men für jeden Bür­ger. Für Wer­ner ist Zirm ein Vor­bild dafür, dass es jedem Men­schen gelin­gen kann, sei­ne Schick­sals­auf­ga­be zu meis­tern und dabei über sich hin­aus­zu­wach­sen. „Jeder Mensch ist ein ergeb­nis­of­fe­nes Wesen, das sei­ne schein­ba­re Deter­mi­nie­rung über­win­den kann,“ sag­te er. Die Kunst sei dabei eine beson­ders geeig­ne­te Form, mit der sich das Mensch­sein zur Wahr­neh­mung brin­gen kön­ne. Sein Unter­neh­men unter­stüt­ze daher kul­tu­rel­le Aktio­nen und über­neh­me damit gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung.

[Arti­kel für die Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zei­tung]

Mit Kunst über sich hinauswachsen

Eine Stadt ohne Kinder ist furchtbar

Eine Podi­ums­dis­kus­si­on im JES kon­sta­tiert Hand­lungs­be­darf bei der Fami­li­en­freund­lich­keit in der Stadt

Der demo­gra­phi­sche Wan­del ist in vol­lem Gan­ge. Wie die­ser gestal­tet und beein­flusst wer­den kann, dar­über dis­ku­tier­ten loka­le Exper­ten im Jun­gen Ensem­ble Stutt­gart. Fazit des Abends: es ist viel gesche­hen in Rich­tung kin­der­freund­li­ches Stutt­gart, aber noch lan­ge nicht genug.

Wie ist es um die Kin­der­freund­lich­keit in Stutt­gart bestellt? War­um ent­schei­den sich immer mehr Men­schen gegen das Kin­der­krie­gen? Hängt das eine viel­leicht mit dem ande­ren zusam­men? Das waren die Fra­gen, auf die eine Ver­an­stal­tung im Jun­gen Ensem­ble Stutt­gart (JES) am Mitt­woch Abend Ant­wor­ten geben woll­te. Die Podi­ums­dis­kus­si­on fand im Rah­men der aktu­el­len Spiel­zeit des JES statt, die unter dem The­ma „Älter wer­den  — oder wie die Zeit ver­geht“ steht.

Neben Auf­füh­run­gen von pas­sen­den Stü­cken wur­de die­ses The­ma durch ins­ge­samt vier Aben­de ver­tieft, bei denen Exper­ten und loka­le Macher ver­schie­de­ne Aspek­te des demo­gra­phi­schen Wan­dels ver­tief­ten. Das The­ma beschäf­tigt zur­zeit vie­le Men­schen, was sich auch am Inter­es­se für die Rei­he zeigt. Der Dra­ma­turg Chris­ti­an Schön­fel­der, der die Rei­he für das JES kon­zi­pier­te, zeig­te sich über den Publi­kums­zu­spruch in den zurück­lie­gen­den Wochen sehr zufrie­den. „Das beson­de­re For­mat hat offen­sicht­lich funk­tio­niert,“ sag­te er.

Die Dis­kus­si­ons­aben­de wur­den näm­lich jeweils mit einem sze­ni­schen Vor­spiel der Glo­bal Play­er ein­ge­lei­tet, einer im JES behei­ma­te­ten Ama­teur­trup­pe aus Jugend­li­chen zwi­schen 14 und 18 Jah­ren. Die leg­ten auch am Mitt­woch eine iro­nisch-pro­vo­kan­te Gesprächs­ba­sis, als sie das Publi­kum 100 Jah­re in die Zukunft ver­setz­ten. In ihrem ima­gi­nä­ren Kids­world konn­te man Kin­der nach Maß oder von der Stan­ge kau­fen inklu­si­ve Umtausch­recht. „Kin­der in der bes­ten Qua­li­tät“ wur­den ange­prie­sen, ohne Geburts­schmer­zen in bereits pfle­ge­leich­tem Zustand erhält­lich. Da blieb so man­chem Zuschau­er das Lachen etwas im Hal­se ste­cken, was sich dann in der fol­gen­den, ange­reg­ten Dis­kus­si­on Bahn brach.

Mode­riert von der SWR-Jour­na­lis­tin Sil­ke Arning tru­gen zunächst Ste­pha­nie Mair-Huydts vom Kura­to­ri­um Kin­der­freund­li­ches Stutt­gart, Caro­la Hae­ge­le vom Gene­ra­tio­nen­haus Hes­lach und Achim Wör­ner, Res­sort­lei­ter Loka­les bei der Stutt­gar­ter Zei­tung, ihre The­sen zur aktu­el­len Situa­ti­on der jun­gen Gene­ra­ti­on in der Stadt vor. Alle kon­sta­tier­ten, dass mit der Initia­ti­ve von Ober­bür­ger­meis­ter Schus­ter zwar schon viel gesche­hen, aber man noch lan­ge nicht am Ziel sei. „Es bleibt noch viel zu tun,“ sag­te Ste­pha­nie Mair-Huydts und Achim Wör­ner kon­sta­tier­te Behar­rungs­kräf­te: „Das The­ma Kin­der­freund­lich­keit ist ein zähes Geschäft.“ Zwar habe die Stadt auf eini­gen Fel­dern inzwi­schen bun­des­weit Vor­bild­cha­rak­ter, aber vor allem im all­täg­li­chen Zusam­men­le­ben von Alt und Jung blei­be Hand­lungs­be­darf. „Wir müs­sen Struk­tu­ren schaf­fen, um Miss­ver­ständ­nis­se und Sprach­lo­sig­keit zu über­win­den,“ sag­te Caro­la Hae­ge­le. Nur so kön­ne ein gesell­schaft­li­ches Kli­ma her­ge­stellt wer­den, in dem Kin­der will­kom­men sei­en.

Neben den vom Staat her­zu­stel­len­den Rah­men­be­din­gun­gen sei die­ses Kli­ma essen­ti­ell für eine posi­ti­ve Ent­schei­dung zum Kin­der­krie­gen. Hier sei­en auch die Unter­neh­men gefragt, die eige­ne Kin­der­krip­pen anbie­ten und jun­ge Eltern durch fle­xi­ble Arbeits­be­din­gun­gen unter­stüt­zen müss­ten. „Man kann nicht alles auf den Staat abschie­ben,“ sag­te Achim Wör­ner. Nur wenn alle das ihre dazu bei­tra­gen, kön­ne das gesell­schaft­li­che Umfeld ver­bes­sert wer­den, um eine fami­li­en­freund­li­che Stadt zu schaf­fen. Die sei abso­lut erfor­der­lich. Denn Kin­der sind nach wie vor das Salz in der Sup­pe des Lebens, nicht nur aus ratio­na­len Grün­den son­dern eben­so aus emo­tio­na­len. „Eine Stadt ohne Kin­der ist doch furcht­bar,“ beton­te Frau Mair-Huydts. Die im Publi­kum anwe­sen­den Jugend­li­chen mach­ten in ihren Dis­kus­si­ons­bei­trä­gen dann deut­lich, dass die aktu­el­le Situa­ti­on noch nicht dazu ange­tan ist, die­ses Hor­ror­sze­na­rio als Illu­si­on abzu­tun. Es gäbe viel zu weni­ge, nicht kom­mer­zia­li­sier­te oder durch­ge­plan­te Frei­räu­me für Jugend­li­che in der Stadt, monier­ten sie.  

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zei­tung]

Eine Stadt ohne Kinder ist furchtbar