Subkultur im Shoppinggedränge

In den Wagen­hal­len sind Freun­de des aus­ge­fal­le­nen Geschenks auf ihre Kos­ten gekom­men

Gewagt gestal­te­te Filz­ta­schen, fre­che Baby­mo­den oder klei­ne Kunst­o­ri­gi­na­le konn­ten am Wochen­en­de beim Holy.Shit.Shopping in den Wagen­hal­len erstan­den wer­den. Über­rascht waren Ver­an­stal­ter und Aus­stel­ler über den Andrang und die Kauf­lust der Besu­cher.

Eine lan­ge War­te­schlan­ge beim Ein­lass, Gedrän­ge vor den Ver­kaufs­stän­den, zufrie­de­ne Aus­stel­ler: beim Holy.Shit.Shopping, das am Wochen­en­de in den Wagen­hal­len am Nord­bahn­hof statt­fand, war das Wort „Kri­se“ kein The­ma. Etwa zwan­zig klei­ne Unter­neh­men boten ihre Pro­duk­te an, zumeist Din­ge, die man nicht wirk­lich braucht, die das Leben aber schö­ner machen. Daher auch der Name der Ver­an­stal­tung, der das selbst­iro­ni­sche Under­state­ment aus­drückt, das die Anbie­ter zu ihren eige­nen Pro­duk­ten haben.

Viel­leicht war die Mini­mes­se, die eigent­lich aus der Alter­na­tiv­kul­tur in Ber­lin kommt und auch in Köln und Ham­burg Sta­ti­on macht, des­halb so erfolg­reich, weil man dort Din­ge bekam, die man sonst ver­geb­lich sucht. Das Publi­kum war denn auch vor­wie­gend jung oder jung­ge­blie­ben und begeis­ter­te die Aus­stel­ler. „Die sind hier alle total nett und auf­ge­schlos­sen,“ sag­te zum Bei­spiel Hein­ke Breu­er von Ber­li­ner Töch­ter. Mit­tels Digi­tal­druck über­trägt sie ihre Fotos von Rekla­me­schil­dern, die für Lie­be, Har­mo­nie oder Wun­der wer­ben, auf Lein­wand und Keil­rah­men. Bei Prei­sen ab zwan­zig Euro gin­gen ges­tern vor allem die gro­ßen Moti­ve und Breu­er freu­te sich über das „Bom­ben­ge­schäft“.

Aber bei wei­tem nicht alle Desi­gner und Künst­ler kamen aus der Haupt­stadt, recht vie­le aus der Regi­on. So Jule Köh­ler aus Reut­lin­gen, die zusam­men mit einer Kol­le­gin die Agen­tur Paten­t­an­ten betreibt. Vor allem ihre mit Filz und All­tags­ma­te­ria­len wie einer „ech­ten Oma­ta­pe­te“ bespann­ten Schlüs­sel- und Gar­de­ro­ben­brett­chen waren der Ren­ner. Kein Stück gleicht dem ande­ren. Es ist offen­bar die­se Mischung aus etwas abge­dreh­ter Krea­ti­vi­tät, rea­lem Gebrauchs­wert und iro­ni­scher Hal­tung, die die Kun­den zum Kau­fen ver­führt. Aber viel­leicht ist es auch das Bewusst­sein, ein Uni­kat zu besit­zen, dass mit Sicher­heit so nie­mand sonst hat.

Und noch etwas kommt hin­zu: „Die Leu­te haben das Gefühl, etwas gutes zu tun, denn sie wis­sen, dass die Leu­te hin­ter den Stän­den das sel­ber pro­du­ziert haben und nicht irgend­ei­ne anony­me Fabrik,“ sag­te Har­riet Udroiu, die die gan­ze Sache orga­ni­siert hat. Stutt­gart sei ein­fach ein super Stand­ort und die Wagen­hal­len pas­sen per­fekt zu der sub­kul­tu­rel­len Aus­rich­tung. „Die Aus­stel­ler sind durch­weg begeis­tert.“ Kein Wun­der, hat­ten sich doch etwa 3.000 Kauf­lus­ti­ge ein­ge­fun­den, wesent­lich mehr als bei der Pre­mie­re im letz­ten Jahr.

Alle Erwar­tun­gen über­trof­fen wur­den auch am Stand von S-T-G-T, wo es mit Stutt­gar­ter Moti­ven bedruck­te Tex­ti­li­en gab. Geschäfts­füh­rer Micha­el Feigl war sel­ber über­rascht von der guten Stim­mung. „Das ist ein gro­ßer Basar hier mit viel Lachen.“ Ver­kaufs­schla­ger an sei­nem Stand war ein T-Shirt mit rotem Stern und dem Fern­seh­turm als Sil­hou­et­te sowie ein Damen­hös­chen mit der Auf­schrift „Mus­ter­ärsch­le“.

Noch zwei Trends, die zu beob­ach­ten waren. Zum einen gab es vie­le Stän­de mit salopp gestal­te­ter Baby­klei­dung, ein Zei­chen dafür, dass die Sub­kul­tur Kin­der eher inte­griert als ablehnt. Zum ande­ren scheint Filz das Lieb­lings­ma­te­ri­al die­ser Sze­ne zu sein. Taschen, Hüte, Män­tel — es scheint nichts zu geben, was man nicht dar­aus machen könn­te. Ein ganz beson­de­re Ver­wen­dung hat Stef Hau­ser ent­wi­ckelt, die auf Filz­strei­fen alte Fahr­rad­schläu­che appli­ziert und dar­aus dann Gür­tel her­stellt. Inzwi­schen hat sie in Ber­lin meh­re­re Fah­r­ad­lä­den, die durch­ge­fah­re­ne Gum­mi­schläu­che für sie sam­meln. 

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zei­tung.]

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