Neue Werkstatt statt Rentnerdasein: Ein Besuch beim einzigen Schuhmachermeister in der City

Mit 65 Jahren hat der Schuhmachermeister Paul Dambacher eine neue Werkstatt in der City eröffnet

Ein Schlaglicht auf die aktuelle Situation des Handwerks warf gestern ein Betriebsbesuch der Handwerkskammer der Region Stuttgart sowie der Kreishandwerkerschaft beim Schuhmacher Paul Dambacher. Dieser hat vor drei Monaten eine Werkstatt in der Schulstraße eröffnet und ist damit der einzige Schuhmacher mit Meisterbrief in der City.

Für die meisten fällt mit dem Erreichen des Renteneintrittsalters endgültig die letzte Klappe im Berufsleben. Nur wenige sind weiter mit Spaß an der Sache dabei und verlängern. Zu Letzteren gehört Schuhmachermeister Paul Dambacher (65). Als für ihn im Januar 2007 nach 26 Jahren Schluss war mit der Werkstatt im Untergeschoss des Salamanderhauses in der Königstraße, suchte er sich kurzerhand eine neue Wirkungsstätte. Seit Mai steht er nun alten und neuen Kunden in der Schulstraße 7 zur Verfügung, um Absätze und Sohlen zu erneuern oder einen Reißverschluss an den teuren Stiefeln zu ersetzen. „Ich bin der einzige Schuhmacher mit Meisterbrief in der City und meine Kundschaft bleibt mir treu“, wusste er gestern zu berichten, als die obersten Funktionäre der Stuttgarter Handwerkschaft seinem Ein-Mann-Unternehmen anlässlich eines öffentlichen Betriebsbesuchs eine Stippvisite abstatteten.

 „Wir suchen mit diesen Besichtigungen den direkten Kontakt zu den Betrieben, um uns über deren authentische Sorgen und Wünsche zu informieren,“ begründet Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer der Region Stuttgart, die einmal im Quartal stattfindenden Vor-Ort-Gespräche. Sorgen drücken Dambacher zurzeit eigentlich nicht. Er hat nach reichlichem Bemühen eine neue Werkstatt gefunden, die sowohl in der Größe als auch bei der Miete seinen Vorstellungen entspricht. Da er seine Stammkundschaft mitnehmen konnte, laufen die Geschäfte akzeptabel. Gleiches gilt für die gesamte Handwerkerschaft in der Region. „Die letzte Konjunkturumfrage unter den hiesigen Betrieben brachte eine überwiegend positive Resonanz“, berichtet Munkwitz. „Die Umsätze steigen und mehr ausgebildet wird auch.“ Wenn es Bewerber in ausreichender Qualität gibt und da hapert es manchmal.

Ein Grund ist das Image-Problem der Handwerksberufe meint Munkwitz: „Jahrelang gab es einen fast krankhaften akademischen Dünkel. Abitur und Studium waren Pflicht. Handwerkliche Arbeit hingegen wurde gesellschaftlich fast geächtet.“ Ausdrücklich ermutigt er junge Leute, sich auf ein Schnupperpraktikum einzulassen. „Wenn die Chemie stimmt, sich Engagement zeigt und eine schnelle Auffassungsgabe, dann sehen die Betriebe auch schon mal über einige schlechte Noten im Zeugnis hinweg.“

Auch Meister Dambacher würde eventuell ausbilden und bei ihm kann man das Handwerk sicherlich von der Pike auf lernen. Zwar benötigt seine Kundschaft meistens nur Reparaturen an Schuhen und Lederwaren, aber er fertigt auch ab und zu Maßschuhe an. „Das Interesse ist schon da, aber bei Preisen von 500 EUR an aufwärts lässt es bei den meisten doch relativ schnell nach.“ Die Liebe zum Beruf zwischen Leimgeruch und Ledernähmaschine, die lernt man hier aber ganz sicher. Denn trotz der harten Konkurrenz durch die Schnellschustereien bereut er nichts. „Man hat keinen Druck von oben und ist sein eigener Herr. Jederzeit wieder!“

[Der Artikel ist Ende Juli 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen.]

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