650 Jahre Industriegeschichte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht

Katalog des Firmenarchivs des ältesten deutschen Industriebetriebs übergeben

Im Schloss Hohenheim wurden gestern 15 Findbücher an die Schwäbischen Hüttenwerke (SHW) übergeben, Ergebnis von sechs Jahren Arbeit im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg. Damit ist das umfangreiche Firmenarchiv des ältesten noch existierenden Industriebetriebs in Deutschland zugänglich.

Manchmal winkt selbst in heutigen Zeiten, in denen weiße Flecken auf der historischen Landkarte eher unwahrscheinlich sind, echtes Forscherglück. „Die Hüttenwerke hatten alte Unterlagen wegen einer Renovierung ausgelagert, in einen Container nur 150 Meter neben der Donau. Wir haben deren Wert sofort erkannt, mein Auto bis unters Dach vollgeladen und die Sachen nach Stuttgart transportiert,“ erzählt Dr. Uwe Fliegauf und schwärmt von der Qualität des Materials, das er für seine Dissertation zur Geschichte der Schwäbischen Hüttenwerke (SHW) ausgewertet hat.

Die Papiere waren ein Teil des verstreuten und ungeordneten Archivs des ältesten noch existierenden Industriebetriebs in Deutschland, das heute unter dem Namen SHW Automotive in vier Werken mit 1.000 Mitarbeitern in Aalen-Wasseralfingen, Tuttlingen und Bad Schussenried Hydraulikpumpen und Bremsscheiben für die Automobilindustrie produziert. Vor fast 650 Jahren wurde die Hütte zum ersten mal urkundlich erwähnt, war jahrhundertelang der Kern der metallproduzierenden und -verarbeitenden Industrie in Württemberg und bis 1921 in Staatsbesitz. Vielleicht war letzteres der Grund, warum in diesem Fall ein so umfangreiches Unternehmensarchiv entstehen konnte. Man fühlte sich irgendwie staatlichen Dokumentationsprinzipien verpflichtet. Gleichwohl waren die Bestände zuletzt verstreut und nicht sachgerecht untergebracht.

Das hat sich nun gründlich geändert, denn der komplette Bestand ist jetzt Teil des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg, das von einer Stiftung der IHK und der Landesregierung getragen wird. Dort werden Originalquellen zur Wirtschaftsgeschichte Landes gesammelt und konserviert. Kern sind Dutzende Archive hiesiger Unternehmen, darunter so bekannte Namen wie Salamander, Kreidler oder WMF, die diese seit 1980 abgegeben haben. Die Unternehmen, soweit sie noch existieren, bleiben Besitzer der Materialien, müssen aber auch nichts für die Aufbewahrung bezahlen. Denn die Urkunden, Werbematerialien, Rechnungsbücher, Fotos oder Konstruktionspläne werden im Archiv erschlossen und professionell gesichert, was in den Unternehmen nicht immer gewährleistet ist, wie auch bei SHW. In einer alten Villa und in Kellern lagerten die wertvollen Unterlagen. „Die Übernahme dieses wegen der langen, kontinuierlichen Geschichte so reichhaltigen Archivs ist ein echter Glücksfall für die Forschung,“ sagt Professor Gert Kollmer-von Oheimb-Loup, Sozial- und Wirtschaftshistoriker von der Universität Hohenheim.

Die gestern an das Unternehmen überreichten 15 voluminösen Findbücher, in denen das 300 Regalmeter umfassende SHW-Archiv katalogisiert wurde, zeigen anschaulich, welcher Schatz der deutschen Wirtschafts-, Sozial- und auch Kulturgeschichte der Öffentlichkeit jetzt zugänglich gemacht wurde. Mit Unterstützung der Stiftung Kulturgut, der Gesellschaft für Wirtschaftsgeschichte und von SHW selbst konnten drei Wissenschaftler sechs Jahre lang finanziert werden, die das aus 10.000 Einträgen und 3.000 Fotos bestehende Material sichteten. Vom 30jährigen Krieg bis in die Gegenwart stehen jetzt die Unterlagen des jahrhundertelang wichtigsten Eisenwerks in Süddeutschland der Forschung zur Verfügung. Die auf diesem Material beruhende Dissertation von Uwe Fliegauf behandelt die Epoche von 1803 bis 1945. Fliegauf hat vor allem die Frage interessiert, ob ein staatliches Unternehmen besser oder schlechter wirtschaftet als ein privates. Seine Analyse der so außergewöhnlich detailliert vorliegenden Quellen „Die zurzeit mal wieder herrschenden Vorurteile gegenüber staatlichen Unternehmen bezüglich mangelnder Flexibilität oder fehlender Rendite kann ich zumindest für diesen Zeitraum und für die Schwäbischen Hüttenwerke nicht bestätigen. Die haben dem Staat so richtig gut Geld gebracht und immer wieder den Strukturwandel aktiv mitgestaltet.“

Wer selbst historische Reste dieses Unternehmens studieren möchte, muss nicht unbedingt nach Hohenheim fahren. Der Musikpavillon auf dem Schlossplatz und die historischen Stahl-Glas-Konstruktionen mit den maurischen Kapitellen in der Wilhelma stammen von SHW. In ganz Baden-Württemberg finden sich solche Relikte und schon jetzt kommen Anfragen an das Wirtschaftsarchiv, um alte Konstruktionszeichnungen einzusehen und nach diesen Rekonstruktionen auszuführen. „Das ist eben die Leistung dieses Archivs: Die Unterlagen werden zugänglich und verkommen nicht in irgendwelchen Kellerräumen der Unternehmen,“ sagt Professor Kollmer-von Oheimb-Loup.

[Der Artikel ist am 13. September 2007 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschienen]

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