Lernen vom Leben am Eisloch

Eine Fami­li­en­füh­rung bringt Kin­dern die extre­men Lebens­be­din­gun­gen der Inu­it spie­le­risch nahe

Das Volk der Inu­it lebt auf der Insel Grön­land im ewi­gen Eis. Wie sehr die­ses Leben unter extre­men Bedin­gun­gen die Kul­tur die­ser Jäger und Samm­ler geprägt hat, konn­ten Kin­der spie­le­risch bei einer Füh­rung im Lin­den­mu­se­um erfah­ren inklu­si­ve ark­ti­scher Spie­le.

Die Inu­it haben es auch nicht gera­de leicht. Eine typi­sche Jagd­sze­ne des Vol­kes von der Insel Grön­land sieht näm­lich so aus: Bei eisi­ger Käl­te stun­den­lang regungs­los aber kon­zen­triert vor einem hand­gro­ßen Eis­loch war­ten, bis eine Rob­be zum Luft­ho­len auf­taucht. Dann blitz­schnell har­pu­nie­ren. Um das Aus­maß der Not­we­nig­keit zu begrei­fen, das Ziel auf kei­nen Fall zu ver­feh­len, da sonst der Hun­ger nagt, muss man mehr wis­sen über die Lebens­be­din­gun­gen der Men­schen am Nord­pol. 

Das war das Ziel einer auf Kin­der aus­ge­rich­te­ten Füh­rung, die am Sams­tag in der aktu­ell lau­fen­den Son­der­aus­stel­lung im Lin­den­mu­se­um unter dem Titel „Arc­tic Games: Spie­le der Inu­it“ statt­fand. Diet­mar Neitzke, Eth­no­lo­ge und Mit­ar­bei­ter der muse­ums­päd­ago­gi­schen Abtei­lung, ver­such­te im ers­ten Teil den drei bis zwölf Jah­re alten Besu­chern die­ses Leben im ewi­gen Eis nahe­zu­brin­gen. Acker­bau ken­nen die Bewoh­ner der größ­ten Insel der Welt nicht. Eski­mos mögen sie nicht mehr hei­ßen, haben aber der Welt Din­ge ver­macht, die als Wor­te in die gan­ze Welt gewan­dert sind. Der Ano­rak, der Par­ka, das Kajak — die­se Kul­tur­ge­gen­stän­de fin­det man heu­te über­all. Die Ori­gi­na­le sehen etwas anders aus und die Kin­der stan­den denn auch fast ergrif­fen vor der aus Tier­darm ange­fer­tig­ten Regen­be­klei­dung, abso­lut was­ser­dicht natür­lich. Plas­tisch und in ein­fa­cher Spra­che wur­de ein Leben unter extre­men Bedin­gun­gen erläu­tert, die nur mit Erfin­dungs­reich­tum und Anpas­sung gemeis­tert wer­den kön­nen. So über­ste­hen die Inu­it einen gro­ßen Teil der lan­gen, düs­te­ren, lebens­feind­li­chen Win­ter mit einer ein­fa­chen Stra­te­gie: Sie schla­fen viel. Die älte­ren Kin­der fan­den das alles sehr span­nend, wäh­rend die klei­ne­ren Geschwis­ter das Her­um­tra­gen der Klapp­ses­sel und das Drauf­klet­tern schnell viel inter­es­san­ter fan­den.

Aber das stör­te nie­man­dem, weil sich der Lern­er­folg trotz­dem sofort ein­stell­te. Am Ende des ers­ten, erklä­ren­den Teils der Füh­rung konn­te der Unter­schied zwi­schen Ori­gi­nal­kul­tur und Import von den Grund­schü­lern glas­klar erkannt wer­den. „Aber die Ziga­ret­te da, die ist von uns,“ stell­te ein Mäd­chen ver­nehm­lich fest und wies auf eines der aus­ge­stell­ten Fotos von Mar­kus Büh­ler-Rasom, auf dem ein Inu­it rau­chend in die Kame­ra lächel­te. Auch das Motiv, auf dem ein klei­nes Mäd­chen gebannt und kau­end Fern­se­hen schaut, beein­druck­te wegen des beson­de­ren Naschwerks: getrock­ne­ter Eis­bär. 

Für die meis­ten der klei­nen Besu­cher war es dann der Infor­ma­tio­nen genug und die fol­gen­den Geschick­lich­keits- und Bewe­gungs­spie­le hoch­will­kom­men. Es wur­den Schnur­rer aus­ge­teilt, die von ver­dreh­ten Fäden zwi­schen den Hän­den zum Zischen gebracht wur­den. Das klapp­te nicht bei jedem, fas­zi­nier­te aber auch die Erwach­se­nen, die man nach den Kin­dern belus­tigt schnur­ren sah. Die Klei­nen war inzwi­schen schon beim nächs­tem Pro­gramm­punkt, einem spe­zi­el­len Weit­sprung, bei dem man kni­end hoch­schnel­len und sich vor­ar­bei­ten muss. „Hier wer­den Fähig­kei­ten geübt wie Schnel­lig­keit, Geschick­lich­keit, aber auch Geduld,“ sag­te Diet­mar Neitzke, um den päd­ago­gi­schen Wert kind­li­chen Spiels zu beto­nen. Es sei eben alles abge­stellt auf die lebens­not­wen­di­gen Kul­tur­tech­ni­ken die­ser Jäger und Samm­ler. Die Kin­der ges­tern konn­ten so etwas mit­neh­men für ihren All­tag, viel­leicht ein­fach begrei­fen, dass anders­wo auf der Welt die Eis­bä­ren nicht nied­lich sind, son­dern hoch­be­gehr­te weil sehr sel­te­ne Beu­te. Der sie­ben Jah­re alten Sina Hau­er aus Gerad­stet­ten hat auf jeden Fall „alles am bes­ten gefal­len,“ wie sie sag­te. Vor­her wuss­te sie nichts von den Eski­mos und will jetzt auf gar kei­nen Fall mehr in die Nähe von Eis­bä­ren. Vor denen hat sie „oft ein biss­chen Angst.“ Dafür freut sie sich schon auf den Urlaub an der Nord­see, denn dort kann man auch Rob­ben angu­cken. Wenigs­tens muss man dort nicht stun­den­lang vor einem Eis­loch war­ten, um eine zu sehen.

[Arti­kel für die Stutt­gar­ter Zei­tung]

Lernen vom Leben am Eisloch

Eine Stadt ohne Kinder ist furchtbar

Eine Podi­ums­dis­kus­si­on im JES kon­sta­tiert Hand­lungs­be­darf bei der Fami­li­en­freund­lich­keit in der Stadt

Der demo­gra­phi­sche Wan­del ist in vol­lem Gan­ge. Wie die­ser gestal­tet und beein­flusst wer­den kann, dar­über dis­ku­tier­ten loka­le Exper­ten im Jun­gen Ensem­ble Stutt­gart. Fazit des Abends: es ist viel gesche­hen in Rich­tung kin­der­freund­li­ches Stutt­gart, aber noch lan­ge nicht genug.

Wie ist es um die Kin­der­freund­lich­keit in Stutt­gart bestellt? War­um ent­schei­den sich immer mehr Men­schen gegen das Kin­der­krie­gen? Hängt das eine viel­leicht mit dem ande­ren zusam­men? Das waren die Fra­gen, auf die eine Ver­an­stal­tung im Jun­gen Ensem­ble Stutt­gart (JES) am Mitt­woch Abend Ant­wor­ten geben woll­te. Die Podi­ums­dis­kus­si­on fand im Rah­men der aktu­el­len Spiel­zeit des JES statt, die unter dem The­ma „Älter wer­den  — oder wie die Zeit ver­geht“ steht.

Neben Auf­füh­run­gen von pas­sen­den Stü­cken wur­de die­ses The­ma durch ins­ge­samt vier Aben­de ver­tieft, bei denen Exper­ten und loka­le Macher ver­schie­de­ne Aspek­te des demo­gra­phi­schen Wan­dels ver­tief­ten. Das The­ma beschäf­tigt zur­zeit vie­le Men­schen, was sich auch am Inter­es­se für die Rei­he zeigt. Der Dra­ma­turg Chris­ti­an Schön­fel­der, der die Rei­he für das JES kon­zi­pier­te, zeig­te sich über den Publi­kums­zu­spruch in den zurück­lie­gen­den Wochen sehr zufrie­den. „Das beson­de­re For­mat hat offen­sicht­lich funk­tio­niert,“ sag­te er.

Die Dis­kus­si­ons­aben­de wur­den näm­lich jeweils mit einem sze­ni­schen Vor­spiel der Glo­bal Play­er ein­ge­lei­tet, einer im JES behei­ma­te­ten Ama­teur­trup­pe aus Jugend­li­chen zwi­schen 14 und 18 Jah­ren. Die leg­ten auch am Mitt­woch eine iro­nisch-pro­vo­kan­te Gesprächs­ba­sis, als sie das Publi­kum 100 Jah­re in die Zukunft ver­setz­ten. In ihrem ima­gi­nä­ren Kids­world konn­te man Kin­der nach Maß oder von der Stan­ge kau­fen inklu­si­ve Umtausch­recht. „Kin­der in der bes­ten Qua­li­tät“ wur­den ange­prie­sen, ohne Geburts­schmer­zen in bereits pfle­ge­leich­tem Zustand erhält­lich. Da blieb so man­chem Zuschau­er das Lachen etwas im Hal­se ste­cken, was sich dann in der fol­gen­den, ange­reg­ten Dis­kus­si­on Bahn brach.

Mode­riert von der SWR-Jour­na­lis­tin Sil­ke Arning tru­gen zunächst Ste­pha­nie Mair-Huydts vom Kura­to­ri­um Kin­der­freund­li­ches Stutt­gart, Caro­la Hae­ge­le vom Gene­ra­tio­nen­haus Hes­lach und Achim Wör­ner, Res­sort­lei­ter Loka­les bei der Stutt­gar­ter Zei­tung, ihre The­sen zur aktu­el­len Situa­ti­on der jun­gen Gene­ra­ti­on in der Stadt vor. Alle kon­sta­tier­ten, dass mit der Initia­ti­ve von Ober­bür­ger­meis­ter Schus­ter zwar schon viel gesche­hen, aber man noch lan­ge nicht am Ziel sei. „Es bleibt noch viel zu tun,“ sag­te Ste­pha­nie Mair-Huydts und Achim Wör­ner kon­sta­tier­te Behar­rungs­kräf­te: „Das The­ma Kin­der­freund­lich­keit ist ein zähes Geschäft.“ Zwar habe die Stadt auf eini­gen Fel­dern inzwi­schen bun­des­weit Vor­bild­cha­rak­ter, aber vor allem im all­täg­li­chen Zusam­men­le­ben von Alt und Jung blei­be Hand­lungs­be­darf. „Wir müs­sen Struk­tu­ren schaf­fen, um Miss­ver­ständ­nis­se und Sprach­lo­sig­keit zu über­win­den,“ sag­te Caro­la Hae­ge­le. Nur so kön­ne ein gesell­schaft­li­ches Kli­ma her­ge­stellt wer­den, in dem Kin­der will­kom­men sei­en.

Neben den vom Staat her­zu­stel­len­den Rah­men­be­din­gun­gen sei die­ses Kli­ma essen­ti­ell für eine posi­ti­ve Ent­schei­dung zum Kin­der­krie­gen. Hier sei­en auch die Unter­neh­men gefragt, die eige­ne Kin­der­krip­pen anbie­ten und jun­ge Eltern durch fle­xi­ble Arbeits­be­din­gun­gen unter­stüt­zen müss­ten. „Man kann nicht alles auf den Staat abschie­ben,“ sag­te Achim Wör­ner. Nur wenn alle das ihre dazu bei­tra­gen, kön­ne das gesell­schaft­li­che Umfeld ver­bes­sert wer­den, um eine fami­li­en­freund­li­che Stadt zu schaf­fen. Die sei abso­lut erfor­der­lich. Denn Kin­der sind nach wie vor das Salz in der Sup­pe des Lebens, nicht nur aus ratio­na­len Grün­den son­dern eben­so aus emo­tio­na­len. „Eine Stadt ohne Kin­der ist doch furcht­bar,“ beton­te Frau Mair-Huydts. Die im Publi­kum anwe­sen­den Jugend­li­chen mach­ten in ihren Dis­kus­si­ons­bei­trä­gen dann deut­lich, dass die aktu­el­le Situa­ti­on noch nicht dazu ange­tan ist, die­ses Hor­ror­sze­na­rio als Illu­si­on abzu­tun. Es gäbe viel zu weni­ge, nicht kom­mer­zia­li­sier­te oder durch­ge­plan­te Frei­räu­me für Jugend­li­che in der Stadt, monier­ten sie.  

[Arti­kel für den Lokal­teil der Stutt­gar­ter Zei­tung]

Eine Stadt ohne Kinder ist furchtbar

VfB deklassiert KSC beim virtuellen Südwestderby

Ver­bun­den über das Inter­net stan­den sich in einem vir­tu­el­len Fuß­ball­spiel Pro­fis aus Stutt­gart und Karls­ru­he live gegen­über 

Wenn es am Sams­tag so läuft wie ges­tern Abend in der Carl Benz Are­na, dann ent­schei­det der VfB das mit Span­nung erwar­te­te Süd­west­der­by gegen den Karls­ru­her SC klar für sich. Bei der vir­tu­el­len Par­tie hat­ten die badi­schen Blau­en jeden­falls nicht die Spur einer Chan­ce.

 

 Mehr als 600 VfB-Fans waren am gest­ri­gen Abend begeis­tert von der Leis­tung ihrer Mann­schaft, auch wenn die in der Mehr­zahl aus pro­gram­mier­ten Com­pu­ter­schöp­fun­gen bestand. 6:2 stand es am Schluss in der Carl Benz Are­na beim Abpfiff des so genann­ten Cyber­Der­bys, wie der VfB-Haupt­spon­sor EnBW die von ihm durch­ge­führ­te Ver­an­stal­tung getauft hat­te. Drei Tage vor dem ech­ten Süd­west­der­by gegen den badi­schen Erz­ri­va­len Karls­ru­her SC stan­den sich je vier Pro­fis bei­der Mann­schaf­ten in einem vir­tu­el­len Fuß­ball­spiel gegen­über. Das Publi­kum konn­te die Aus­ein­an­der­set­zung live auf Groß­bild­lein­wän­den in bei­den Städ­ten ver­fol­gen.

 Auf Sei­ten des VfB hat­ten Rober­to Hil­bert, Alex­an­der Far­ne­rud, Andi Beck und Manu­el Fischer Platz genom­men und die Fin­ger an den Kon­so­len, beim KSC waren es unter ande­rem Kapi­tän Timo Staf­felt, Maik Franz und Flo­ri­an Dick. Ergänzt wur­den die Teams mit jeweils einem durch Ver­lo­sung ermit­tel­ten Fan. Im VfB-Team trat Cars­ten Lei­fer aus Gärtrin­gen an, der vor dem Spiel recht ner­vös war und sich nicht viel Chan­cen aus­rech­ne­te. „Wird bestimmt schwer, gegen die zu spie­len, das sind doch alles Pro­fis,“ sag­te der 19-Jäh­ri­ge, der sich die Bun­des­li­ga­spie­le ansons­ten in sei­ner Stamm­knei­pe anschaut und nur ab und zu ins Sta­di­on geht.

 Ange­heizt durch einen Auf­tritt des Schla­ger­sän­ger Schwa­ben­kö­nig, der live sei­ne Fan-Hym­ne „Ein Stern (der über Stutt­gart steht)“ into­nier­te, feu­er­ten die Fans dann fre­ne­tisch ihre auf der Büh­ne sit­zen­den Fuß­ball­ido­le an und lie­ßen die Hal­le erbe­ben, als die vir­tu­el­le Mann­schaft in den wei­ßen Tri­kots und dem roten Brust­ring gleich zu Beginn in Füh­rung ging. Das Beson­de­re an der recht flüs­sig und fast lebens­nah anzu­schau­en­den Soft­ware: Die Pro­gram­me ent­hal­ten tau­sen­de detail­lier­te Pro­fi­le von den tat­säch­li­chen Mann­schaf­ten der lau­fen­den Sai­son. Daher konn­ten die Pro­fis selbst ihre elek­tri­schen Dou­bles mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger steu­ern. Pri­vi­leg der Pro­fis, wäh­rend der Ama­teur eher das Rol­len­spiel genießt. Der Rest der Mann­schaf­ten und der Schieds­rich­ter wer­den per Zufalls­ge­ne­ra­tor hin­zu­ge­rech­net. Auch der Tor­wart, wor­in der schlag­fer­ti­ge Rober­to Hil­bert kein Pro­blem sah. Es sei bekannt, dass der VfB gute Tor­hü­ter habe, da wer­de schon nichts anbren­nen. Alle Spie­ler sind im übri­gen erfah­re­ne „Zocker“, wie sich die Kon­so­len­spie­ler selbst nen­nen.

 So wie Jung­ta­lent Manu­el Fischer, der sich die Lan­ge­wei­le im VfB-Sport­in­ter­nat eher mit „Dad­deln“ als mit einem Buch ver­treibt. Wie es sich für einen ehr­gei­zi­gen Jung­pro­fi gehört, kom­men natür­lich kei­ne gewalt­tä­ti­gen Bal­ler­spie­le auf den Schirm, son­dern es wird mit Pro­gram­men wie FIFA 2008 oder Pro Evo­lu­ti­on Soc­cer der Fuß­ball­lei­den­schaft gefrönt. Dabei ent­ste­hen Kom­pe­ten­zen, die Mana­ger Horst Heldt gehö­rig Respekt abnö­ti­gen. Frü­her hat er sich auch an Video­spie­len ver­sucht, aber jetzt sei er aus dem Alter raus und kön­ne auch nicht nur annä­hernd mit sei­nen Schütz­lin­gen mit­hal­ten. Was die drauf haben, zeig­te der Spiel­ver­lauf: Der KSC wur­de an die Wand gespielt. Die ers­te Halb­zeit ende­te mit 1:5 für den VfB und selbst ein tech­ni­sches Pro­blem zu Beginn der zwei­ten Halb­zeit, das drei VfB-Spie­lern die Kon­trol­le über ihren Dop­pel­gän­ger ent­zog, konn­te am Spiel­ver­lauf nichts wesent­li­ches mehr ändern. Beson­ders Manu­el Fischer tat sich posi­tiv als drei­ma­li­ger Tor­schüt­ze her­vor, gemäß sei­ner natür­lich nicht ernst gemein­ten Aus­sa­ge „Super­ar­gu­men­te“ ihn am Sams­tag von Beginn an spie­len zu las­sen. Ob Armin Veh das ähn­lich sieht, bleibt abzu­war­ten, denn das Der­by ist „sehr wich­tig für uns und für vie­le das wich­tigs­te Spiel des Jah­res“, so Horst Heldt. Durch den gelun­ge­nen vir­tu­el­len Auf­takt dürf­ten die Spie­ler zumin­dest psy­cho­lo­gisch gestärkt in die Par­tie gehen.

 [Der Arti­kel ist am 20.Februar 2008 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschie­nen]

VfB deklassiert KSC beim virtuellen Südwestderby

Igitt, die Alten knutschen ja!“

Ange­sichts des demo­gra­phi­schen Wan­dels setzt das JES den Dia­log zwi­schen den Gene­ra­tio­nen auf den Spiel­plan

 Fakt ist: die Gesell­schaft altert und es gibt zu wenig Kin­der. Um die Kon­se­quen­zen die­ses Pro­zes­ses zu ver­deut­li­chen und ein biss­chen zu beein­flus­sen, hat sich das JES mit einer neu­en Ver­an­stal­tungs­rei­he dem The­ma „Älter wer­den“ ange­nom­men.

 Von Dirk Bar­an­ek

 Das The­ma demo­gra­phi­scher Wan­del steht im Mit­tel­punkt der aktu­el­len Spiel­zeit des Jun­gen Ensem­ble Stutt­gart (JES). In der Rei­he „Älter wer­den — oder wie die Zeit ver­geht“ wer­den in den nächs­ten Mona­ten nicht nur pas­sen­de Thea­ter­stü­cke auf­ge­führt, son­dern erst­mals mit Podi­ums­dis­kus­sio­nen beglei­tet. So ganz mag man aber auf den Ein­satz schau­spie­le­ri­scher Mit­tel nicht ver­zich­ten, wie bei der Auf­takt­ver­an­stal­tung am Mitt­woch deut­lich wur­de. Der Abend begann mit einem „sze­ni­schen Impuls“, bei dem ein Dut­zend Jugend­li­cher in klei­nen Dia­log­sze­nen ihre Gedan­ken, Gefüh­le und Hoff­nun­gen zum The­ma „Älter wer­den — wie die Alten immer mehr wer­den“ zum Aus­druck brach­ten. Mit viel direk­ter Spra­che und eini­gem Humor wur­den jugend­li­che Vor­ur­tei­le und Distanz gegen­über der älte­ren Gene­ra­ti­on ange­spro­chen und über die eige­ne Zukunft nach­ge­dacht. Dabei kamen Ängs­te zum Vor­schein wie die vor Krank­heit und Ein­sam­keit. Der gut gefüll­te Saal zeig­te beson­ders beim The­ma Sexua­li­tät im Alter amü­sier­te Reak­tio­nen, als mit dem Spruch „Igitt, die knut­schen ja!“ ein ima­gi­nier­tes Senio­ren­paar kom­men­tiert wur­de.

 Nach die­sem anre­gen­den Ein­stand der Glo­bal Play­ers nahm die fol­gen­de Podi­ums­dis­kus­si­on gleich gut Fahrt auf. Mode­riert von der SWR-Jour­na­lis­tin Mar­ti­na Klein ver­such­ten vier frisch gewähl­te Jugend­stadt­rä­te und Clau­dia Hüb­ner, Staats­rä­tin für demo­gra­phi­schen Wan­del und Senio­ren im Staats­mi­nis­te­ri­um Baden-Würt­tem­berg, das The­ma zu ver­tie­fen. Hüb­ner, die die ein­zi­ge Stabs­stel­le zu die­sem The­ma bun­des­weit lei­tet, stell­te gleich zu Beginn die Fak­ten klar.

 Baden-Würt­tem­berg habe zwar nach dem Krieg von Zuzug und Bevöl­ke­rungs­wachs­tum pro­fi­tiert, wer­de aber bis 2050 ver­mut­lich eine Mil­li­on Ein­woh­ner ver­lie­ren, „zwei­mal Stutt­gart“. Zudem wird sich der Alters­durch­schnitt wesent­lich erhö­hen. „Das ist neu in der Geschich­te der Mensch­heit,“ sag­te Hüb­ner. Des­halb müss­ten jetzt Anpas­sungs- und Gegen­stra­te­gi­en ent­wi­ckelt und umge­setzt wer­den. Alters­ge­rech­te Infra­struk­tu­ren sind dabei nur ein Punkt. Auch die Ein­stel­lung zu Kin­dern müs­se sich ändern. „Wir brau­chen eine gesell­schaft­li­che Wert­schät­zung von Fami­lie und Kin­dern,“ for­der­te Hüb­ner.

 Kon­sens auf dem Podi­um war, dass sich das öffent­li­che Bild des­sen, wer denn nun ab wann alt sei, im Moment ent­schei­dend ver­än­dert. Die Alters­gren­zen ver­schie­ben sich immer mehr. Ein Mensch mit 60 habe zukünf­tig noch eini­ge Jahr­zehn­te Lebens­zeit vor sich. Es konmme jetzt dar­auf an, die­sen Umstand bei der Poli­tik­pla­nung auf allen Ebe­nen ein­zu­be­zie­hen. Dem dient auch der Gene­ra­tio­nen­ver­trag, den die Stadt im Herbst ver­ab­schie­det hat und Teil der Arbeit der anwe­sen­den Jugend­stadt­rä­te ist. Die­se wünsch­ten sich ein bes­se­res Ver­ständ­nis zwi­schen Alt und Jung, das bis­her noch auf bei­den Sei­ten von kräf­ti­gen Vor­ur­tei­len geprägt sei. Aller­dings ist es nicht ein­fach, das The­ma altern­de Gesell­schaft in die Köp­fe der Jugend­li­chen zu brin­gen, wie deren Ver­tre­ter unver­blümt zuga­ben.

 Aus dem Publi­kum, das sich mit zahl­rei­chen Wort­mel­dun­gen ange­regt an der Dis­kus­si­on betei­lig­te, kamen dann auch die sozia­len Fra­gen auf den Tisch, wie die von Früh­ver­ren­tung und Alters­ar­mut. Die Auf­lö­sung der star­ren Alters­gren­zen könn­te eine Lösung sein, hoff­te Clau­dia Hüb­ner, in den Unter­neh­men fin­de bereits ein Umden­ken statt. Der Abend war ins­ge­samt ein ers­ter wert­vol­ler Schritt, den Dia­log der Gene­ra­tio­nen vor­an­zu­trei­ben. Drei wei­te­re fol­gen in den nächs­ten Wochen.

 [Der Arti­kel ist am 15. Febru­ar 2008 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschie­nen]

Igitt, die Alten knutschen ja!“

Jugendfreizeit mit Spielfreude pur

Kin­der aus ganz Würt­tem­berg ver­brach­ten ihr Wochen­en­de in einem EM-Camp des Hand­ball­ver­ban­des Würt­tem­berg

 Am Wochen­en­de fand in der Sport­hal­le des TV Cann­statt am Schnar­ren­berg eines der zwei EM-Camps statt, die der Hand­ball­ver­band Würt­tem­berg (HVW) in die­sem Jahr ver­an­stal­tet. Nach­dem im letz­ten Jahr die vier, bei der Welt­meis­ter­schaft in Deutsch­land durch­ge­führ­ten Camps auf sehr gute Reso­nanz gesto­ßen waren, gibt es in die­sem Jahr zwei aus Anlass der aktu­ell in Nor­we­gen aus­ge­tra­ge­nen Euro­pa­meis­ter­schaft. Die teil­neh­men­den Mäd­chen und Jun­gen im Alter von 12 bis 14 Jah­ren kamen aus ganz Würt­tem­berg nach Stutt­gart. Die 38 Plät­ze waren sehr schnell aus­ge­bucht, wie Hei­di Mei­er, Jugend­be­treue­rin beim HVW, berich­te­te. Sie konn­te auch bestä­ti­gen, dass das Inter­es­se an der ansons­ten eher ein Nischen­da­sein fris­ten­den Sport­art stark gewach­sen ist. „Die kon­kre­ten Daten für 2007 lie­gen zwar noch nicht vor, aber die Mit­glie­der­zah­len sind sicher­lich gestie­gen, vor allem im Jugend­be­reich,“ sag­te Mei­er.

Die zwei Tage des Camps ver­brach­ten die Teen­ager vor allem mit anspruchs­vol­len Trai­nings­ein­hei­ten, für die extra pro­fes­sio­nel­le Gast­trai­ner, dar­un­ter einer mit A-Lizenz, ver­pflich­tet wur­den. Die Spe­zia­lis­ten für Hand­ball­tech­nik aber auch für Ath­le­tik und pro­fes­sio­nel­les Lauf­trai­ning soll­ten den Kin­dern neue Impul­se für den Ver­eins­all­tag mit auf den Weg geben. Die fan­den das offen­sicht­lich hoch span­nend wie Lui­sa Haug aus Balin­gen und Seli­ne Sub­as aus Wald­hau­sen bei Lorch bestä­tig­ten. Seit sie­ben Jah­ren spie­len die bei­den Drei­zehn­jäh­ri­gen schon Hand­ball und wis­sen daher das Ange­bot zu schät­zen. „Das Trai­ning ist das bes­te,“ sag­ten sie, wobei aller­dings der der Fra­ge vor­an­ge­gan­ge­ne Kicher­an­fall auch auf ande­re, eher im mensch­li­chen Bereich zu suchen­de Moti­ve schlie­ßen lässt. Typisch Jugend­frei­zeit eben.

Neben den Trai­nings­ein­hei­ten gab es für die Kin­der außer­dem reich­lich Gele­gen­heit, den unter­hal­ten­den Aspek­ten des Tem­po­spiels frei­en Lauf zu las­sen, denn die zwei EM-Vor­run­den­spie­le der deut­schen Natio­nal­mannn­schaft am Wochen­en­de wur­den per Video­pro­jek­tor auf eine gro­ße Lein­wand gewor­fen. Gemein­sa­mes Mit­fie­bern war also ange­sagt, aller­dings fiel das eher ver­hal­ten aus. Der WM-Erfolg im letz­ten Jahr lässt den Fans das sieg­rei­che Abschnei­den bei der Euro­pa­meis­ter­schaft wohl eher als Selbst­ver­ständ­lich­keit erschei­nen. Erst als Pas­cal Hens den klei­nen Ball in die Tor­ecke des Vor­run­den­geg­ners Ungarn don­nert, ist der Jubel groß in der weit­läu­fi­gen Sport­hal­le, in der es sich die Kin­der auf Mat­ten bequem gemacht haben. Kein Wun­der, denn der Rück­raum­spie­ler ist ein Star bei den jugend­li­chen Fans. Auch der Zwölf­jäh­ri­ge Manu­el Schmidt aus Wein­stadt erklärt den schlak­si­gen Hünen mit der unkon­ven­tio­nel­len Punk­fri­sur zu sei­nem Idol. „Pas­cal Hens ist der bes­te,“ sagt Manu­el, dem Hand­ball ein­fach mehr Spaß macht als Fuß­ball. „Vie­le Freun­de spie­len jetzt auch Hand­ball,“ berich­tet er. Ein Grund dafür ist sicher­lich der WM-Sieg, obwohl Manu­el den Sport seit lan­gem aus­übt und bereits im Alter von fünf Jah­ren zum ers­ten Mal auf dem Feld stand. In der Halb­zeit der Live-Über­tra­gung des EM-Spiels freut er sich schon auf das Abend­pro­gramm. Das sieht die Vor­füh­rung des Doku­men­tar­films „Pro­jekt Gold“ vor, in dem ähn­lich wie in dem Som­mer­mär­chen­film über die DFB-Aus­wahl bei der Fuß­ball-WM 2006 die deut­sche Mann­schaft im gesam­ten Ver­lauf des Tur­niers von einem Film­team beob­ach­tet wird. „Der Film ist viel bes­ser als der über die Fuß­bal­ler,“ sagt Hei­di Mei­er, denn es wer­de noch viel aus­führ­li­cher über die Arbeit hin­ter den Kulis­sen berich­tet.

Natio­nal­trai­ner Hei­ner Brand und sei­nem Team gelingt es offen­bar, den ange­neh­men Ner­ven­kit­zel, zum Bei­spiel den des Halb­fi­nal­kri­mis‘ im letz­ten Jahr gegen Frank­reich, wie­der leben­dig wer­den zu las­sen — Hap­py End inklu­si­ve. So ganz ist die Eupho­rie des letz­ten Jah­res aber noch nicht wie­der da. Nach dem Abpfiff des rela­tiv unge­fähr­de­ten Siegs gegen Ungarn kam bei den Kin­der eher ver­hal­te­ner Jubel auf. Statt Jubel­tän­ze auf­zu­füh­ren, setz­te sich die Freu­de am Spiel sofort wie­der durch. Die meis­ten grif­fen zum Ball und nutz­ten die unge­zwun­ge­ne Atmo­sphä­re und die erst­klas­si­gen Bedin­gun­gen in der moder­nen Hal­le um ein­fach drauf­los­zu­wer­fen. Die Spiel­zü­ge der Ido­le müs­sen schließ­lich nach­ge­spielt wer­den … (dba)

 [Der Arti­kel ist am 22. Janu­ar 2008 in der STUTTGARTER ZEITUNG erschie­nen]

Jugendfreizeit mit Spielfreude pur